Erkennbar als Christ leben | 1. Korinther 4, 9
- 01.11.2026 -
Doch über die Jahre merkte ich, dass es bei Christen wie Nichtchristen Menschen gibt, die viel Fröhliches, Hoffnungsvolles ausstrahlen – oder eher mit einem gewissen Ernst durchs Leben gehen.
22. Sonntag nach Trinitatis
Sollten Christen nicht irgendwie „erlöster“ aussehen? Die bekannte Kritik Friedrich Nietzsches führt mitten hinein in eine überraschend aktuelle Frage: Woran ist christlicher Glaube eigentlich erkennbar? Nicht jeder Christ ist immer fröhlich, stark oder zuversichtlich. Ingo Meißner sucht deshalb nach etwas Tieferem: nach Liebe und Versöhnung im Umgang miteinander und einem Vertrauen, das auch dann trägt, wenn das Leben schwierig wird.
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Ausgehend von der bekannten Kritik Friedrich Nietzsches fragt Pfarrer Ingo Meißner, was christliches Leben tatsächlich erkennbar macht. Paulus beschreibt Christen in 1. Korinther 4 als ein „Schauspiel“ vor der Welt. Dabei geht es gerade nicht um eine möglichst attraktive Inszenierung des Glaubens.
Die Predigt richtet den Blick auf zwei Dimensionen: auf Liebe, Vergebung und Versöhnung im Umgang miteinander und auf das Vertrauen auf Gott, gerade in schwierigen Zeiten. Christsein bedeutet dabei nicht, niemals zu scheitern: Stolpern, aufstehen, weitergehen und dabei Jesus immer ähnlicher werden.
? Predigttext: 1. Korinther 4,9
Hinweis: Diese Predigt wurde vor Ort mit einem Mobiltelefon aufgezeichnet. Daher entspricht die Tonqualität nicht der unserer regulären Gottesdienstaufzeichnungen.
Predigt zu: „Erkennbar als Christ leben“ - 1. Korinther 4, 9
(1. November, Pfarrer Ingo Meißner, Evangelische Kirche Steinen)
Der große Philosoph und Kritiker der Christen, Friedrich Nietzsche (+ 1900), hat einmal im Blick auf die Christen um ihn herum sinngemäß gesagt:
„Wenn das Christen sein wollen, dann müssten diese aber erlöster aussehen!“
Christen um ihn herum hatten offensichtlich – zumindest für ihn – keine attraktive Ausstrahlung.
Nicht nur zu dieser Zeit, auch heute noch, begegnet Christen dieser klassische Vorwurf, dass überzeugte Christen doch irgendwie erlöster, freier, freundlicher, lieber oder einfach besser als andere Zeitgenossen sein sollten. Was meint ihr zu dem Vorwurf von Nietzsche? Was würdet ihr darauf erwidern?
Damals wie heute schauten Nichtchristen auf uns Christen. Ist es attraktiv, herausfordernd oder gar abstossend? Wie können wir als Christen echt und erkennbar leben?
Erkennt man die Christen an einer positiven Ausstrahlung? Ist er fröhlicher als andere Menschen?
Eine eindrückliche Kindheitserinnerung war, als ein Missionar in unsere Gemeinde kam und Personen-Bilder von Papua-Neuguinea zeigte. Er wies darauf hin, dass die Menschen, die sich für ein Leben mit Jesus entschieden hatten, nun einen ganz anderen Gesichtsausdruck, nun plötzlich strahlende Augen hätten. Und Nichtchristen aus den Volksstämmen eher grimmig und unfroh aussahen. Als Kind habe ich das damals geglaubt und von da an die Christen um mich herum beobachtet, ob sie wirklich «echt» sind, christlich und erlöst aussehen.
Doch über die Jahre merkte ich, dass es bei Christen wie Nichtchristen Menschen gibt, die viel Fröhliches, Hoffnungsvolles ausstrahlen – oder eher mit einem gewissen Ernst durchs Leben gehen.
Solche, die eher eine positive, zuversichtlichen Grundhaltung haben, oder solche, denen eher die Dinge auffallen, die noch nicht so gut sind und daran leiden. Das hat nichts mit Christ oder Nichtchrist zu tun. Es gibt einfach unterschiedliche Persönlichkeiten.
Oder auch die Lebensumstände, die Christen wie Nichtchristen erfahren, lassen uns mal eher fröhlich oder eben eher bedrückt aussehen. Das Aussehen oder die persönliche Ausstrahlung machen einen also nicht unbedingt zu einem erkennbaren Christen.
Wie können wir als Christen echt und erkennbar leben? Etwa dadurch wir uns vielleicht besonders christlich und nett verhalten und reden, damit andere uns als Christen positiv erkennen?
Welches Bild bieten wir als Menschen der Kirchengemeinde Steinen den Menschen um uns herum? Ich meine nicht das, was wir gerne wären, sondern wie sie uns vermutlich erleben? Wie attraktiv ist dieses Bild euer Meinung nach für andere?
Wir werden beobachtet. Ob wir es wahrhaben wollen, oder nicht.
Der Apostel Paulus kennt das auch und verwendet das Bild eines Schauspiels, also Theaters, dafür. Nicht im Sinn von wir «schauspielern» was ja eher negativ gemeint ist. Sondern ganz positiv.
Im ersten Brief an die Korinther in Kapitel 4 Vers 9 schreibt Paulus:
Denn ich denke, Gott hat uns Apostel als die Allergeringsten hingestellt, wie zum Tode Verurteilte. Denn wir sind ein Schauspiel geworden der Welt und den Engeln und den Menschen.
Das Schauspiel, von dem er hier spricht, ist ein Schauspiel auf Leben und Tod. So wie in Rom und an vielen anderen Orten im Römischen Reich, wo Gladiatoren, aber auch zum Tode verurteilte Kriegsgefangene oder Verbrecher bis zum Tode kämpften. Und viele schauen zu.
Dieses Bild gebraucht Paulus, um zu beschreiben, dass er und die Christen damals, aber auch wir heute ein Lebens-Schauspiel in der sichtbaren und unsichtbaren Welt aufführen. Vor den Menschen und den Engeln.
Was für ein Lebens-Schauspiel biete ich – bietest du?
In Korinth damals waren die Christen selbstgerecht, von sich überzeugt. Klopften sich gewissermassen selbst auf die Schulter. Sie fühlten sich schon am Ziel angekommen. Als Miterben und Mitherrscher im Reich Gottes. Dieser religiöse Stolz war letztlich nicht attraktiv, sondern eher abstossend.
Und Paulus geht mit einem gewissen Sarkasmus auf Meinungen der Korinther ein, um ihnen einen Spiegel vorzuhalten (7-8): «Wer gibt dir einen Vorrang? Was hast du, was du nicht empfangen hast? Ihr seid schon satt geworden? Ihr seid schon reich geworden? Ihr herrscht ohne uns? Ja wollte Gott, ihr würdet schon herrschen, damit auch wir mit euch herrschen könnten!»
Und er beschreibt eine andere Art von Schauspiel, so ganz anders als das der Korinther (10ff.):
Wir sind Narren um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir schwach, ihr aber stark; ihr herrlich, wir aber verachtet. Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden geschlagen und haben keine feste Bleibe und mühen uns ab mit unsrer Hände Arbeit. Man schmäht uns, so segnen wir; man verfolgt uns, so dulden wir's; man verlästert uns, so reden wir freundlich. Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute.
Ist das jetzt völlig schräg und Paulus hat nicht wirklich verstanden, wie fröhlicher Glaube funktioniert? Was ist daran denn attraktiv, in den Augen anderer gar zur Lachnummer, zum Stein des Anstosses zu werden?
Das ist so ziemlich das Gegenteil von attraktiv. Das ist eher eine Blut-, Schweiss- und Tränengeschichte. Eben passend zu dem Bild in der römischen Arena. So gar nicht zum Wohlfühlen. Und doch mutet uns Paulus dieses Bild immer wieder zu. Auch an anderen Stellen.
Das Kleine, das Unscheinbare hat Gott erwählt. Das, was nichts gilt in den Augen der Welt.
Als äusserster Ausdruck hiervon wurde Gott selbst klein und unscheinbar. Kam in unsere Welt. Gott mit uns. In den Schmutz einer Krippe. In den Staub der Welt. Paulus schreibt gleich am Anfang des Korintherbriefes von diesem Anstoss, den das Bild des herabgekommen – im doppelten Sinn – Gottes sowohl bei den Juden als auch bei den Griechen abgibt.
Paulus fordert die Korinthern - und auch uns – in Vers 16 auf: «folgt meinem Beispiel!» Und wiederum 3 Verse später (4,19): «darin zeigt sich die Kraft des Evangeliums». Wenn wir den niedrigen Weg gehen.
Das ist jetzt keine überdrehte Idee eines religiösen Hardliners. Sondern entspricht genau dem, was Jesus uns vorlebte. Was er tat. Jesus sagt selbst: «in der Art und Weise wie ich den Sendungsauftrag Gottes wahrgenommen habe, so sende ich euch» (Joh 20,21).
Den Sendungsauftrag kennen wir gut. Aber die Art und Weise wie wir ihn wahrnehmen sollen - das geht uns nicht immer leicht von der Hand.
Nämlich so wie Jesus bereit sein, den niedrigen Weg zu gehen; zu vergeben; zu verzeihen; zu Frieden und Versöhnung beitragen.
Doch solch ein gelebter Glaube scheint eine besondere Kraft zu haben: in unserem Leben und im Blick auf andere.
Wodurch zeigt sich diese besondere Kraft des Glaubens?
Es sind zwei Dinge, die uns als Christen auszeichnen und auch von Nichtchristen wahrgenommen werden.
Das eine ist unser Verhalten anderen gegenüber – also die horizontale Dimension: Liebe und Vergebung üben, auch wo es schwierig ist. Immer wieder. Für Versöhnung und Frieden eintreten. Den ersten Schritt gehen. Eher sich schlagen lassen als andere schlagen. Auch hier dem Beispiel Jesu folgen.
Sich für die benachteiligten Menschen in unserer Gesellschaft einsetzen. Für ältere Menschen und Kranke mit Herz und Verstand da zu sein.
Jesus sagt in Johannes 13,35 in Bezug auf das Verhalten der Christen miteinander:
An der Liebe untereinander wird die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid.
Paulus fasst die Handlungsempfehlungen Jesu für mich sehr gut im Römerbrief mit dem bekannten Satz zusammen:
Überwindet das Böse mit Gutem.
(Römer 12, 13). Das sind hohe Ansprüche an uns. Wir hatten letzten Sonntag darüber mehr gehört. Und ja, es gilt.
Doch wir müssen aufpassen, dass wir nicht bei der Ethik anfangen oder hier einen Schwerpunkt im Sinn von «wie verhalte ich mich als Christ richtig?» legen. Damit können wir uns schnell in einen frommen Leistungsdruck bringen. Die Gefahr ist dann gross, dass wir es letztlich nur tun, um Gott und den Menschen zu gefallen.
Das mit dem Guten tun gelingt übrigens nicht nur Christen, sondern auch Nichtchristen mehr oder weniger gut. Auch Nichtchristen verhalten sich liebevoll, zuvorkommend, respektvoll anderen Menschen gegenüber. Das sind wir Christen nicht die besseren Menschen, auch wenn wir uns vielleicht manchmal so fühlen.
Und manchmal gelingt es Nichtchristen sogar eher liebe- und respektvoll miteinander umzugehen und um die Wahrheit und einen guten Konsens zu ringen als wir Christen, die durch immer wieder neue Gemeindegründungen oder manchmal auch Querelen in den Gemeinden eher ein Bild von Selbstbezogenheit, Unfriede und mangelnder Einheit bieten.
Doch wenn wir diese guten Taten von ganzen Herzen und in dem Bewusstsein von Gottes Beistand tun, dann geht davon sehr wohl eine besondere Kraft aus. Und andere finden das durchaus attraktiv.
Als Alleinstellungsmerkmal von uns Christen sehe ich jedoch ein anderes. Ich beziehe mich da wieder auf Jesus, Paulus und die vielen Christen, die durch Höhen und Tiefen im Leben gehen. Vor allem m it unseren Umgang mit Tiefen. Mit Krankheit, Leid und Tod.
Wenn wir zuversichtlich und getrost unseren Weg trotz allem weiter mit Gott gehen. Uns getragen und geborgen wissen. Und ja, vielleicht auch manchmal mit unserem grossen Vertrauen ohne gleich Gottes Wirken zu spüren als die Narren dastehen.
Diese vertikale Dimension, mein Glaube, mein Vertrauen in Gottes Beistand, die feste Zuversicht «er kann» und das Erleben, dass er wirklich trägt, ermutigt und stärkt mich immer wieder. Sei es in Herausforderungen in der Familie. Oder hier in der Gemeinde.
Als Christen sind wir nicht vor Leid verschont. Doch wir haben einen Gott, der auch in Leid und Schmerz mit dabei ist und mitträgt. Das gibt mir persönlich immer wieder die Kraft nicht die Hoffnung auf einen guten Ausgang zu verlieren. Immer weiter zu hoffen und zu beten. Auszuharren. Auch über vielleicht quälend lange Zeiträume.
Das Bild vom Kreuz hat für mich dabei eine tiefe Bedeutung und Erinnerungskraft. Nicht das leere Kreuz. Sondern das, mit dem gekreuzigtem Christus. Der den niedrigen Weg geht. In Leid und Schmerz. Ganz für uns. Der den Tod und das Leid über den Weg am Kreuz überwunden hat. Sich mit meinen und euren Leiden eins macht.
Und so eigenartig wie es klingen mag: das begeistert mich an Jesus im Besonderen. Er macht sich klein, ist ganz für mich da. Geht mit in Freud und Leid. Ich spüre seine Ermutigung und Stärkung durch Worte in der Bibel, durch Begegnungen mit Menschen, durch schöne Erfahrungen in der Natur, durch seine guten Gedanken, die er mir in Gebet oder bei Spaziergängen deutlich werden.
Gott für uns, für mich.
Das ist deine und meine Identität. Immanuel. Und nicht das, was ich oder du tust.
Wenn ich mir das bewusst mache, werde ich immer wieder fröhlich und hoffnungsvoll – auch in Situationen, wo andere vielleicht denken: wie kann er nur…
Ist das jetzt attraktiv für andere? Kommen unsere Nachbarn und Freunde dann gerne mit mir oder auch euch in Kontakt oder in unsere Gemeinde? Ich weiss es nicht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Ich merke nur für mich, dass ich immer weniger Dinge tun möchte, damit andere nur einen guten Eindruck von mir haben. Ich möchte immer mehr das tun und reden, was ich von Gott meine verstanden zu haben. Ich möchte immer mehr auf Jesus und seine Art blicke und nicht zuerst darauf, was andere Menschen über mich denken könnten.
Dieser Weg ist nicht immer einfach. Er ist manchmal mit Blut, Schweiss und Tränen gepflastert, um nochmal das Bild von der römischen Arena aufzugreifen. Es hat mit Scheitern und wieder Aufstehen zu tun. Aber darin auch mit vielen schönen Erfahrungen der Nähe Gottes – auch im Schmerz und Scheitern. Auch mit schönen Erfahrungen der Nähe liebgewordener Menschen und hier und da auch mit persönlichen Erfolgen.
Ich werde auch weiterhin in der ein oder anderen Sache durchs Leben stolpern. Aber auch wenn ich stolpere: Gott ist grösser als mein Versagen. Er trägt mit, trägt mich in Höhen wie in Tiefen. Er verurteilt mich nicht, sondern schafft mir immer wieder Freiraum. Er stellt meine Füsse auf weiten Raum.
Das ist eine Erfahrung, die mich immer wieder neu begeistert. Wo ich begeistert von Jesus, von unserem grossen Gott bin und ich mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen kann!
Stolpern, Aufstehen, Weitergehen. Auf Jesus zu-stolpern. Stolpernd ihm immer ähnlicher zu werden.
Sollten Christen nicht erlöster aussehen?
Diese Frage stellte uns Nietzsche zu Beginn der Predigt.
Ich würde jetzt darauf antworten: «Nein». Aber hoffnungsvoll, vertrauensvoll auch in schwierigen Situationen bleiben, ja. Weil Jesus mitgeht.
Amen