Die weiße Weste | Markus 2, 23 - 28
- 18.10.2026 -
(18. Oktober 2026, Prädikantin Ernst Volz, Evangelische Kirche Steinen)
20. Sonntag nach Trinitatis
Eine makellose „weiße Weste“ zu haben, fühlt sich gut an. Doch was geschieht, wenn Regeln, Rechthaben und die eigene Frömmigkeit wichtiger werden als der Mensch? Ausgehend vom Streit Jesu mit den Pharisäern über den Sabbat fragt die Predigt nach dem eigentlichen Sinn von Gottes Geboten. Und sie hält uns selbst den Spiegel vor: Wo urteilen wir über andere, statt ihnen mit Liebe, Demut und Barmherzigkeit zu begegnen?
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Was passiert, wenn Regeln wichtiger werden als die Menschen, für die sie eigentlich gedacht sind?
Ausgangspunkt der Predigt ist die Begegnung Jesu mit den Pharisäern und die Frage nach dem Sabbat. Die Jünger haben Hunger und pflücken Ähren. Für die Pharisäer ist das ein Regelbruch. Jesus dagegen erinnert daran: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“
Mit einer „weißen Weste“ als Bild geht die Predigt der Frage nach, wie schnell aus dem Wunsch nach Ordnung Rechthaberei und Selbstgerechtigkeit werden können. Jesus stellt dem Liebe, Barmherzigkeit und die Freiheit der Kinder Gottes gegenüber.
Die Predigt als eigenes Video: https://youtu.be/4cS64okYzOM
Lesung: Markus 2, 23 - 28
Lieder im Gottesdienst:
- EG 166: Tut mir auf die schöne Pforte
- EG 353: Jesus nimmt die Sünder an
- SgidH 67: Herr, deine Gnade, sie fällt auf mein Leben CCLI-Nr.: 5227419
- SgidH 56: Groß ist unser Gott, Herr der Ewigkeit CCLI-Nr.: 4325006
- SgidH 144: Alles, was atmet (Unser Gott ist heilig)
- SgidH 14: Deine Liebe trägt mich (Halleluja, du begeisterst mich)
- EG 618: Vergiss nicht zu danken
CCLI-Liedlizenz 5100265
Predigt „Die weiße Weste“ - Markus 2, 23 - 28
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Liebe und Barmherzigkeit statt Rechthaberei
Heute habe ich wieder etwas mitgebracht. Ich bringe ja fast immer etwas mit. Heute etwas ganz Spezielles, aber ich glaube, Sie ahnen es schon.
Eine weiße Weste.
Natürlich ist da auch eine Marke eingenäht, ein bekanntes Label. Da steht aber nicht Street One, Hugo Boss oder Nike drauf, sondern:
Pharisäer.
Wahrscheinlich kennen Sie diese Marke auch.
Warum ich diese Weste gerade heute mitgebracht habe, hat seinen Grund. Es liegt am heutigen Predigttext vom Sabbatgebot.
Dort geht es neben dem Hauptdarsteller Jesus um zwei Gruppen von Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: auf der einen Seite die Jünger, auf der anderen diejenigen mit den weißen Westen, die Pharisäer.
Bei denen hat man den Eindruck, dass sie ihre Westen nie ausziehen. Wahrscheinlich auch nicht, wenn sie schlafen gehen.
Schließlich halten sie sich ganz strikt an das Gesetz und die Gebote, so wie sie es von klein auf gelernt haben. Eines davon ist das Sabbatgebot.
Und wehe dem, der es bricht.
Wie streng müssen Regeln sein?
Weil das Sabbatgebot Teil der Zehn Gebote ist, wurde immer wieder darüber gestritten, wie streng und wortgetreu es einzuhalten ist.
Da gab und gibt es die Liberalen auf der einen Seite, die kaum einen Unterschied zwischen Werktag und Sonntag beziehungsweise Sabbat machen. Und auf der anderen Seite die Gesetzestreuen, die an diesem Tag kaum irgendetwas anrühren.
Natürlich gibt es einen Graubereich dazwischen. Und ich denke, wir alle bewegen uns irgendwie in diesem Graubereich.
Zu den strengen Gesetzestreuen habe ich neulich eine Geschichte gefunden.
Sie spielt in Holland in den 1950er-Jahren, als das Land von einer schrecklichen Sturmflut heimgesucht wurde.
Die Gemeinde, von der die Rede ist, war eine besonders fromme Gemeinde. Eine Gemeinde, die sich bedingungslos jedem Wort der Bibel unterwarf und damit auch den strengen Bestimmungen zur Heiligung des Sabbats.
Nun wurde das Dorf von Wind und Wellen derart bedroht, dass man ausgerechnet am Sabbat unbedingt die Deiche verstärken musste, damit nicht alles überschwemmt würde.
Die Polizei verständigte den Ortspfarrer.
Der befand sich in einem schlimmen religiösen Konflikt:
Darf er die ihm anvertraute Gemeinde zur notwendigen Arbeit rufen, wenn dadurch der Sabbat entweiht wird?
Oder darf er sie dem Untergang preisgeben, nur um den Sabbat zu ehren?
War Jesus zu liberal?
Der Pfarrer ruft die Kirchenältesten zu einer Notsitzung zusammen.
Die Debatte verläuft in die zu erwartende Richtung: Wir leben, um Gottes Willen zu erfüllen. Gott hat Macht über Wind und Wellen. Unsere Pflicht ist es, gehorsam zu sein, sei es zum Leben oder zum Sterben.
Der Pfarrer versucht ein letztes Argument:
Haben nicht sogar Jesus und seine Jünger immer wieder das Gesetz des Sabbats gebrochen? Hat Jesus nicht den Menschen zum Herrn über den Sabbat erklärt und nicht den Sabbat zum Herrn über den Menschen?
Da erhebt sich ein würdiger alter Mann und sagt:
„Herr Pfarrer, liebe Geschwister, was ich euch jetzt sagen werde, hat mir schon lange zu schaffen gemacht. Aber jetzt muss ich es endlich loswerden:
Ich hatte schon immer das Gefühl, dass unser Herr Jesus viel zu liberal gewesen ist. Dass er manches viel zu frei und zu locker gesehen hat.“
So weit diese Geschichte.
Wie die Ältesten entschieden haben, wird nicht berichtet.
Regeln geben Sicherheit
Wenn es ganz allgemein um Regeln, Vorschriften oder Gesetze geht, gibt es verschiedene Arten, wie Menschen damit umgehen.
Die einen halten sich strikt an die Vorschriften. Denn Vorschriften geben ihnen Halt und Sicherheit und das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben.
Wenn etwas ordentlich und geregelt ist, dann muss es gleichzeitig auch gut sein.
Nach dem Motto:
Nur Ordnung beherrscht das Chaos.
Wenn im Gemeindebrief beispielsweise steht, dass der Gottesdienst um 11 Uhr beginnt und der Pfarrer oder Prädikant drei Minuten später scheinbar immer noch gemütlich in der ersten Reihe sitzt, dann ist das für manche schon überhaupt nicht in Ordnung.
Vielleicht schaut er aber auch nur verzweifelt zum Organisten und wartet auf das Orgelvorspiel.
Anwesende natürlich ausgeschlossen.
Oder noch schlimmer: Jemand kommt zu spät zum Gottesdienst und alle drehen vorwurfsvoll den Kopf nach hinten.
Auch eine fast unverzeihliche Ordnungswidrigkeit.
Anwesende natürlich ebenfalls ausgeschlossen.
Natürlich gibt es auch andere Menschen und Kirchengemeinden, für die strenge Ordnungen und Regeln weniger wichtig sind.
Und das Erstaunliche ist: Es funktioniert auch.
Wahrscheinlich manchmal sogar besser.
Jesus und die Pharisäer
Genau in diesem Spannungsfeld zwischen strenger Ordnung und liberalem Verhalten bewegt sich die Geschichte aus dem Markusevangelium.
Auf der einen Seite stehen die absolut gesetzestreuen Pharisäer. Auf der anderen Seite eine Gruppe, die von ihnen als notorische Regelbrecher angesehen wird.
Zwei unterschiedliche Welten prallen aufeinander.
Jesus sagt:
„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“
Doch bei den Pharisäern geht das zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus.
Sie bleiben hart und unnachgiebig.
Schließlich geht es ums Prinzip.
Das Problem war nicht einmal, dass die Jünger etwas von den Feldern nahmen. So etwas kam vor und war erlaubt.
Aus Sicht der Pharisäer waren das Abreißen der Ähren und das Ausreiben der Körner jedoch bereits Erntearbeit.
Und Arbeit war am Sabbat strengstens verboten.
Nun kommen Jesus und seine Jünger daher und setzen sich scheinbar einfach über dieses Gebot hinweg, nur weil sie Hunger haben.
Für die Pharisäer sind das Menschen ohne Respekt vor den Geboten Gottes.
Sie dagegen sind stolz darauf, zu den Auserwählten zu gehören.
Und das soll natürlich auch jeder sehen.
Deshalb tragen sie ihre weißen Westen, stets sauber und fleckenlos.
Wie weiß ist die weiße Weste?
Die Wahrheit ist:
Würde man das Innere ihrer weißen Westen nach außen drehen, würde auch bei ihnen so mancher Fleck und manche dunkle Stelle sichtbar werden.
Und genau das darf auf gar keinen Fall passieren.
Heutzutage würde so eine Gruppe von Gleichgesinnten wahrscheinlich niemals bei Rot über eine Fußgängerampel gehen.
Sie würde geduldig warten, bis es grün wird.
Selbst wenn weit und breit kein Auto zu sehen wäre.
Selbst wenn auf der anderen Straßenseite gerade jemand ohnmächtig geworden wäre und dringend Hilfe bräuchte.
Nur aus dem einen Grund:
Weil es die Vorschrift so verlangt.
Wichtig ist, auf der richtigen Seite zu stehen. Und natürlich soll das auch jeder sehen.
Es gibt einem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
Wozu sind Gebote da?
Warum reagiert Jesus so tolerant, richtiggehend liberal?
Zunächst einmal geht es ihm sicherlich nicht darum, das Gesetz zu brechen oder die Pharisäer zu provozieren.
Jesus will deutlich machen, was Gott mit seinen Geboten wirklich bezweckt.
Es kommt nicht darauf an, das Gesetz stur und ohne jede Einschränkung einzuhalten.
Das Gesetz ist Mittel zum Zweck.
Es regelt das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Und es zeigt, wie gutes Zusammenleben aussehen soll.
Dort, wo dieses Zusammenleben funktioniert, bedarf es keiner bedingungslosen, gefühllosen oder sogar rücksichtslosen Einhaltung des Gesetzes.
Wichtig ist nicht nur der Buchstabe, sondern auch der Geist des Gesetzes.
Es geht darum, den Sinn hinter einem Gesetz zu verstehen und es vernünftig und mit Bedacht anzuwenden.
Gerade dann, wenn es wirklich notwendig ist.
Wenn es sprichwörtlich eine Not wendet.
Die Freiheit der Kinder Gottes
Jesus hat uns durch sein Leben, vor allem aber durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung freigemacht von übertriebener und sinnloser Gesetzestreue.
Er hat das schwere Joch der Menschen durch ein leichteres ersetzt und die Fesseln des Gesetzes gelöst, um sie durch die Freiheit der Kinder Gottes zu ersetzen.
Was den Sabbat betrifft:
Gott hat ihn uns in erster Linie als Ruhetag geschenkt. Als Tag der Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Glaubensgeschwistern. Als Tag, an dem wir uns auf Gottes wunderbare Schöpfung besinnen.
Er erinnert uns daran, dass wir nicht nur für die Arbeit geschaffen sind.
Unsere eigentliche Bestimmung ist ein Leben mit Gott, ein Leben mit Jesus Christus.
Wenn ein Mensch Hilfe braucht
Wenn das der Sinn des Ruhetages ist, wie kann es dann verboten sein, seinen Hunger zu stillen?
Und wenn Menschen in Not, Bedrängnis oder sogar Lebensgefahr sind, kann ich nicht sagen:
„Heute ist Sonntag. Ich kann dir leider nicht helfen. Ich muss den Sabbat halten. Ich muss erst in die Kirche gehen oder mich ausruhen. Komm morgen wieder.“
Nein.
Das Wohlergehen und die Sicherheit des Menschen stehen über dem Ruhetag.
Jesus interpretiert das Sabbatgebot im Licht des Liebesgebotes.
Die Liebe zu Gott und die tätige Liebe zum Nächsten stehen über allen Einzelvorschriften:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.
Liebe und Barmherzigkeit
Die Geschichte geht weiter.
Kurz nach dieser Begegnung heilt Jesus am Sabbat einen Mann mit einer kranken Hand.
Damit ist für seine Gegner das Maß endgültig voll.
Nach demselben Muster folgen weitere Begegnungen: Eine Sünderin salbt Jesus. Eine Ehebrecherin soll gesteinigt werden. Jesus sitzt mit Zöllnern und Sündern am Tisch.
Und diejenigen mit den weißen Westen verstehen überhaupt nichts mehr.
Da ist einer gekommen, der auf seine eigene, unkonventionelle Art Menschen mit Liebe gewinnt.
Jesus Christus.
Dieser Text handelt deshalb nicht nur von der Auslegung des Sabbatgebotes.
Er zeigt, wie barmherzig Jesus uns Menschen trotz unserer Schwächen und Mängel begegnet.
Und dass bei allem Liebe und Barmherzigkeit über allem stehen.
Und unsere weiße Weste?
Zum Schluss bleibt die Frage:
Wie sieht es eigentlich bei uns aus mit der weißen Weste der Marke „Pharisäer“?
Ich kann nur für mich reden.
Habe ich mich manchmal nicht auch schlauer und gerechter gefühlt als andere?
Gab es Situationen, in denen ich meinte, die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben?
Habe ich mir selbst oder anderen etwas vorgemacht?
Habe ich vielleicht unbedacht auf andere herabgesehen?
Gab es Situationen, in denen ich die Liebe außen vor gelassen habe?
Die Antwort lautet:
Ja.
All das habe ich getan oder gedacht. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst.
Vielleicht gibt es andere Menschen, denen es ähnlich geht.
Vielleicht denkt aber auch jemand:
„Das alles geht mich doch gar nichts an. Ich bin doch ein feiner und frommer Mensch.“
Ob wir nun so oder so über uns denken: Ich bin überzeugt, dass wir unser Denken über andere und unseren Umgang miteinander immer wieder neu auf den Prüfstand stellen sollten.
An die Stelle von Besserwisserei und Rechthaberei sollten wir wieder mehr die Anliegen anderer Menschen ernst nehmen.
Unser Handeln sollte weniger von Selbstgerechtigkeit und Egoismus bestimmt sein, dafür mehr von
Liebe, Demut, Achtung und Toleranz.
Gerade als Christen und als Gottes Bodenpersonal sind wir dabei besonders gefordert. Und daran werden wir auch gemessen.
Und jetzt muss ich zum Schluss in aller Bescheidenheit noch etwas loswerden und voller Demut bekennen:
Gott sei Dank bin ich selbst kein Pharisäer.
Gott sei Dank habe ich selbst eine makellose weiße Weste.
Sie glauben aber jetzt nicht im Ernst, was ich gerade gesagt habe?
Ehrlich gesagt:
Ich auch nicht.
Amen.