Wer trägt mein Leid? Jesus und die Hoffnung über den Tod hinaus

- 29.03.2020 - 

Judika

Was trägt uns, wenn Krankheit, Angst und die Frage nach dem Tod nahekommen? Pfarrer Dr. Jochen Eber spricht über Jesus, der das Leid der Welt trägt, und über die Hoffnung auf eine bleibende Heimat bei Gott.

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Dieser Gottesdienst zum Sonntag Judika wurde am 29. März 2020 in der Margarethenkirche Höllstein aufgenommen. In einer Zeit ohne gemeinsame Gottesdienste vor Ort stellt Pfarrer Dr. Jochen Eber eine Frage, die über die damalige Situation hinausreicht: Wie leben wir mit Leid und der Gewissheit, dass unser Leben endlich ist?
 
Die Predigt verbindet Verse aus Psalm 27 und 46 mit Hebräer 13,12–14. Sie entfaltet drei Gedanken: Jesus trägt das Leid der Welt, er trägt auch das Leid des Einzelnen mit, und er eröffnet die Hoffnung auf eine Heimat bei Gott. Zum Gottesdienst gehören außerdem ein Eingangsgebet, Worte aus Psalm 18, Fürbitten, Vaterunser und Segen.

Predigt zu: „Jesus trägt das Leid der Welt“ 

(29. März, Pfarrer Jochen Eber, Evangelische Kirche Steinen)
 
Liebe Gemeinde,
 
„Es geht um Leben und Tod.“ Das hören wir in diesen Tagen. Doch eigentlich geht es nicht erst jetzt um Leben und Tod. Diese Frage begleitet unser ganzes Leben. Jesus ist gekommen, damit Sterben und Tod nicht das letzte Wort haben, sondern zum Durchgang in das ewige Leben werden.
 
Jetzt aber erleben wir unmittelbar, wie verletzlich unser Leben ist. Wir sollen zu Hause bleiben, damit wir einander nicht anstecken. Das fällt schwer. Oft merken wir erst, wie wertvoll etwas war, wenn wir es nicht mehr tun können.
 
Der Gelehrte Blaise Pascal hat darüber nachgedacht, warum Menschen die Ruhe so schwer aushalten. Wenn wir still werden, können Fragen aufkommen, die wir sonst durch Beschäftigung und Ablenkung beiseiteschieben: Was wird aus meinem Leben? Was bedeutet es, dass ich sterben muss?
 
In diesen Tagen lassen sich solche Fragen kaum verdrängen. Menschen sind erkrankt. Manche ringen mit dem Tod. Viele haben Angst, selbst krank zu werden oder einen nahestehenden Menschen zu verlieren. Gerade deshalb ist es gut, sich an Gott zu wenden. Bei ihm sind auch die großen Fragen unseres Lebens in den richtigen Händen.
 
Psalm 27 spricht von Gott als Licht, Heil und Kraft des Lebens. Psalm 46 nennt ihn Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in großen Nöten. Wenn Gott die Kraft meines Lebens ist, darf ich ihm auch meine Zukunft anvertrauen. Das bedeutet nicht, dass keine Not mehr kommt. Aber ich muss ihr nicht ohne ihn begegnen.
 
In der Passionszeit denken wir besonders an Jesus Christus und seinen Weg ans Kreuz. Das Kreuz steht in der Mitte unseres Glaubens. Jesus kennt Leiden, Krankheit und Schmerz. Er trägt, was uns belastet. Und sein Tod eröffnet uns die Hoffnung auf ewiges Leben.
 
Für diesen Sonntag ist ein Wort aus dem Hebräerbrief vorgesehen. Dort wird daran erinnert, dass Jesus draußen vor dem Tor gelitten hat. Die Glaubenden werden aufgerufen, zu ihm hinauszugehen und seine Schmach mitzutragen. Dann folgt der Satz:
„Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“
 
Was bedeutet dieses Wort für uns? Ich möchte drei Gedanken dazu nennen.

Erstens: Jesus trägt das Leid der ganzen Welt.

Jesus leidet und stirbt draußen vor der Stadt Jerusalem, wie ein Verbrecher. Die Predigt des Hebräerbriefs versteht seinen Tod aber nicht als Strafe für eine eigene Schuld. Jesus trägt die Schuld und Sünde der Welt. Auch der Prophet Jesaja spricht davon, dass einer unsere Krankheit und unsere Schmerzen trägt.
 
Der Hebräerbrief erinnert dabei an den großen Versöhnungstag. Schuld wird weggetragen; Opfer stehen für Reinigung und Versöhnung. Im Leiden Jesu erkennt der Brief die entscheidende Versöhnungstat. Jesus stirbt für die Menschen. Sein Tod bedeutet: Schuld muss nicht das letzte Wort über unser Leben behalten. Vergebung ist möglich.

Zweitens: Jesus trägt auch mein Leid.

„Zu ihm hinausgehen“ kann bedeuten, dass der Glaube uns nicht immer Anerkennung bringt. Christen können wegen ihres Glaubens ausgegrenzt, belächelt oder verspottet werden. Der Prediger nennt dafür Beispiele aus anderen Ländern und aus dem eigenen gesellschaftlichen Umfeld. Wer solche Erfahrungen macht, trägt diese Last nicht allein: Jesus kennt Schmach und Ausgrenzung.
 
Das gilt ebenso für andere Formen der Not. Wenn ich Angst vor Ansteckung habe, wenn ich krank bin oder um einen Menschen bange, dann ist Jesus mit dem Leiden vertraut. Die Zusage der Predigt lautet nicht, dass wir niemals leiden werden. Sie lautet: Im Leid sind wir nicht allein. Jesus trägt mit.

Drittens: Jesus bringt mich zum Vater.

Dazu möchte ich eine Geschichte erzählen. Zwei Mönche lesen von einem Ort am Ende der Welt, an dem Himmel und Erde sich berühren. Dort, so heißt es, sei Gott bei den Menschen. Sie brechen auf, suchen diesen Ort und nehmen Mühen und Gefahren auf sich. Schließlich finden sie die Tür, von der sie gelesen haben. Sie klopfen an, treten hindurch und stehen wieder in ihrer eigenen Klosterzelle.
 
Da verstehen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, kann genau dort sein, wo Gott sie hingestellt hat.
Christsein beginnt in unserem Leben, in unserem Alltag. Gerade jetzt, wenn wir viel Zeit in denselben Räumen verbringen und persönliche Begegnungen fehlen, dürfen wir Gott auch zu Hause suchen. Er ist uns nahe, wenn wir beten. Durch die Bibel spricht er zu uns. Die Heimat bei Gott beginnt hier, auch wenn sie hier noch nicht vollendet ist.
 
Denn der Hebräerbrief erinnert uns zugleich daran, dass wir keine bleibende Stadt haben. Wer unterwegs ist, braucht ein Ziel. Unser Leben hier ist nicht unsere endgültige Heimat. Wir dürfen auf Gottes zukünftige Welt hoffen, unabhängig davon, wie es uns heute geht. Diese Hoffnung kann Kranke trösten, Ängstliche ermutigen und Trauernden einen neuen Blick eröffnen.
 
Jesus trägt das Leid der Welt. Er trägt auch mein Leid. Und er führt uns zum Vater.
 
Amen.