Jesus sehen, wenn Gott fern scheint - Das Fernglas | Johannes 12, 20 - 21
- 25.03.2020 -
Kann man Jesus sehen, auch wenn Gott manchmal weit weg scheint? Prädikant Dr. Ernst Volz beginnt mit einem Fernglas: Richtig herum betrachtet, rückt Entferntes näher. Umgedreht erscheint selbst das Nahe fern.
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Im Johannesevangelium bitten Menschen: „Wir möchten Jesus sehen.“ Die Predigt fragt, was diese Bitte für unseren Glauben bedeutet. Sie spricht von Jesu Weg zum Kreuz, vom Weizenkorn, das Frucht bringt, und von einem neuen Blick auf das eigene Leben, gerade in Zeiten von Sorge und Unsicherheit.
Bibeltexte: Johannes 12,20–24 und Psalm 25,14–15
Predigt: Prädikant Dr. Ernst Volz
Predigt: Prädikant Dr. Ernst Volz
Predigt zu: „Jesus sehen, wenn Gott fern scheint - Das Fernglas“ - Johannes 12, 20 - 21
(25. März, Prädikant Ernst Volz, Evangelische Kirche Steinen)
Wie ihr seht, habe ich einen Gegenstand mitgebracht, den viele von euch ebenfalls besitzen: ein Fernglas.
Ein Fernglas dient dazu, entfernte Dinge näher heranzuholen. Wenn wir hindurchsehen, erscheinen sie uns, als stünden sie direkt vor uns. Das kann sogar lebensrettend sein, etwa wenn jemand in den Bergen vermisst wird und man die Gegend mit einem Fernglas absucht.
Mit demselben Fernglas kann man aber auch das Gegenteil erreichen. Dreht man es um und schaut von der anderen Seite hindurch, rückt alles in weite Ferne, selbst wenn es unmittelbar vor einem steht. Auch Menschen können uns ganz nah erscheinen oder weit entfernt.
Manchmal denken wir vielleicht: Wie gut wäre es, wenn es ein solches Glas auch für Gott gäbe! Wenn wir ihn ganz nah heranholen und deutlich sehen könnten. Wenn wir Jesus einmal unmittelbar vor uns hätten und erkennen könnten, wer er wirklich ist. Würde uns das nicht helfen, stärker zu glauben und mit Gott zu reden wie mit einem guten Freund?
Gerade in einer Zeit, in der Angst und Unsicherheit uns beschäftigen und die Zukunft unklar vor uns liegt, wäre ein Fernglas zu Gott doch eine wunderbare Lösung. Nur: Ein solches Fernglas kann man nicht kaufen.
Vielleicht denken wir, dass die Menschen zur Zeit Jesu es leichter hatten. Sie konnten ihm persönlich begegnen, mit ihm reden, ihm zuhören und ihn sogar berühren. Jesus hat Menschen geheilt, getröstet und ihnen neues Leben geschenkt.
Im Johannesevangelium wird von Menschen erzählt, die Jesus unbedingt sehen wollten. Die Begebenheit spielt kurz vor seiner Gefangennahme und seinem Tod. Jesus war mit seinen Jüngern nach Jerusalem gekommen, wo das Passafest gefeiert wurde. Unter den Festbesuchern waren einige Griechen. Sie wandten sich an Philippus mit einer einfachen Bitte:
„Wir möchten Jesus sehen.“
Diese Pilger lebten weit entfernt von Jesu Heimat. Während ihres Aufenthalts in Jerusalem bot sich ihnen die Gelegenheit, ihm zu begegnen. Was sie wollten, war klar: Sie wollten Jesus sehen.
Philippus und Andreas trugen ihre Bitte an Jesus heran. Doch Jesus antwortete anders, als man erwarten würde. Er sagte nicht einfach:
„Lasst sie zu mir kommen.“
Stattdessen sprach er davon, dass seine Stunde gekommen sei.
Jesus wusste, dass seine Zeit auf dieser Erde zu Ende ging. Zugleich war nun die Zeit gekommen, in der die Menschen erkennen sollten, wer er wirklich ist und worin sein Auftrag besteht: Durch Jesus dürfen wir erfahren, dass Gott uns annimmt und zu uns steht, trotz unserer Zweifel und Ängste, trotz Schuld und Enttäuschung. Gottes Liebe trägt uns durch dieses Leben mit seinen Höhen und Tiefen und darüber hinaus. Durch Jesus dürfen wir auf Vergebung und auf Gottes ewiges Reich hoffen.
Dann gebrauchte Jesus ein Bild: Ein Weizenkorn, das nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.
Damals konnten nur wenige verstehen, was Jesus damit meinte. Nach seiner Kreuzigung wurde deutlich: Er sprach von sich selbst. Wie ein Weizenkorn wurde Jesus in die Erde, in ein Grab, gelegt. Aber er blieb nicht dort. Gott hat ihn auferweckt. Sein Tod und seine Auferstehung bringen Frucht für uns Menschen: Vergebung und ein Leben in Fülle, jetzt und in Ewigkeit.
Das Bild vom Weizenkorn spricht auch in unser eigenes Leben hinein. Wenn wir den alten Menschen ablegen, kann Neues wachsen und Frucht bringen.
Was bedeutet das für die Bitte der Pilger, Jesus zu sehen? Wir können ihn heute nicht mit unseren Augen vor uns sehen wie die Menschen damals. Aber wir können unseren Blick auf ihn richten und ihn in unserem Leben im Blick behalten. Bildlich gesprochen:
Wir können ihn mit dem Fernglas unseres Glaubens näher heranholen.
Im Hebräerbrief heißt es, dass wir auf Jesus sehen sollen, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Darin liegt ein Geheimnis des christlichen Lebens: auf Jesus zu sehen, bei allem, was wir tun, und wo immer wir sind. Er ist schon da. Das kann unser Leben verändern.
Auch wenn das Leben beschwerlich und leidvoll wird, bleibt Jesus bei uns. Er gibt Kraft, Trost und Halt, gerade in schwierigen und herausfordernden Zeiten.
Für den Glauben gilt ein Gedanke aus Der kleine Prinz: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Damit sind wir wieder bei unserem Fernglas. Unser Herz ist das Fernglas des Glaubens. Gott ist für unsere Augen unsichtbar, und doch können wir im Glauben erkennen, dass er da ist.
Wir kennen allerdings auch die andere Erfahrung. Es gibt Zeiten, in denen Gott uns ganz fern erscheint. Sorgen, Ängste, Zweifel und Nöte sind dann, als hielten wir das Fernglas verkehrt herum. Gott erscheint klein und weit weg, und wir erwarten nicht mehr viel vom Glauben.
Gerade dann dürfen wir uns an Psalm 25 erinnern. Dort heißt es:
„Meine Augen sehen stets auf den HERRN.“
Wenn wir den Blick wieder auf Gott und auf Jesus Christus richten, kann sich unsere Perspektive verändern. Wir begegnen Gott nicht sichtbar von Angesicht zu Angesicht. Aber wir können sein Wirken in unserem Leben wahrnehmen. Das schenkt neue Kraft und Zuversicht, für dieses Leben und für die Herrlichkeit, die uns erwartet.