Wenn der Glaube erschüttert wird

- 22.03.2020 - 

Lätare

Was passiert, wenn das Leben ins Wanken gerät und selbst der Glaube erschüttert wird?
 
Im Gespräch zwischen Jesus und Petrus kündigt Jesus schwere Prüfungen an, gibt aber zugleich eine kraftvolle Zusage: Nicht unsere eigene Stärke trägt uns durch Krisen, sondern Gottes Treue.
Pfarrer Dr. Dirk Kellner zeigt anhand von Lukas 22, 31 – 34, warum Christen keine Helden sein müssen und weshalb gerade Menschen, die selbst durch schwere Zeiten gegangen sind, anderen Hoffnung schenken können.

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Im Frühjahr 2020 stand die Welt unter dem Eindruck der Corona-Pandemie. Vieles, was zuvor selbstverständlich schien, wurde plötzlich fraglich. Sicherheiten gerieten ins Wanken und Ängste bestimmten den Alltag vieler Menschen.
 
In dieser Situation richtet die Predigt den Blick auf den Apostel Petrus und auf die Worte Jesu aus Lukas 22, 31 – 34. Kurz vor seiner Verhaftung kündigt Jesus seinem Jünger an, dass schwere Prüfungen auf ihn zukommen werden. Zugleich verspricht er ihm, dass sein Glaube nicht verloren gehen wird.
 
Die Predigt entfaltet drei zentrale Gedanken:
  • Du wirst durchgeschüttelt.
  • Du wirst gehalten.
  • Du wirst beauftragt.
Anhand des Weges von Petrus wird deutlich, dass Glaube nicht bedeutet, immer stark und unerschütterlich zu sein. Vielmehr lebt der christliche Glaube von der Gewissheit, dass Jesus Christus Menschen trägt, auch wenn ihre eigene Kraft nicht ausreicht.
 
Die Predigt verbindet die biblische Geschichte mit den Erfahrungen von Krisen, Unsicherheit und persönlichen Herausforderungen und lädt dazu ein, neu Vertrauen zu fassen.
 
Besonders eindrücklich ist die Aussage:
Im Glauben gibt es keine Helden, sondern nur Gehaltene.
 

Predigt zu Lukas 22,31–34

(22. März 2020, Pfarrer Dr. Dirk Kellner, Evangelische Kirche Steinen)

Einleitung

Den Mund zu voll genommen.
Ist es euch auch schon einmal so gegangen?
 
Ich meine nicht, dass man sich die Gabel zu voll lädt. Sondern dass man etwas verspricht und sich hinterher fragt: Kann ich das wirklich halten? Oder dass man von etwas völlig überzeugt ist und später merkt: Vielleicht war ich doch zu selbstsicher.
In unserem heutigen Predigttext geht es um ein Gespräch zwischen zwei Menschen. Beide haben einen festen Blick in die Zukunft. Beide sind überzeugt von dem, was kommen wird.
 
Aber nur einer wird recht behalten.
 
Die Szene spielt beim letzten Abendmahl. Jesus feiert mit seinen Jüngern das Passahfest, einen Tag vor seiner Kreuzigung. Er freut sich darüber, dass seine Jünger bisher bei ihm geblieben sind. Er spricht mit ihnen über die Zukunft und verspricht ihnen einen Platz im Reich Gottes.
 
Dann aber richtet er sich an Simon Petrus und sagt:
„Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du einst umkehrst, dann stärke deine Brüder.“
(Lukas 22,31–32)

Petrus antwortet voller Überzeugung:
„Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und sogar in den Tod zu gehen.“
Doch Jesus sagt:
„Noch bevor heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, dass du mich kennst.“

Drei Zusagen Jesu

In diesen Worten Jesu stecken drei wichtige Botschaften.
 
Jesus sagt Petrus:
  • Du wirst durchgeschüttelt.
  • Du wirst gehalten.
  • Du wirst beauftragt.
Und genau diese drei Zusagen gelten auch uns.

Du wirst durchgeschüttelt

Jesus sagt:
„Der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen.“
 
Das ist ein Bild aus dem Alltag damaliger Menschen.
Weizen wurde nach der Ernte durchgesiebt und geschüttelt. Die Spreu wurde entfernt und nur das Korn blieb zurück.
 
Genau so wird es euch ergehen, sagt Jesus.
Es werden Zeiten kommen, in denen ihr geprüft werdet.
 
Schon das Buch Hiob erzählt von dieser Erfahrung. Auch dort tritt der Widersacher auf und behauptet:
Wenn ich Hiob nur genug erschüttere, wird er sich von Gott abwenden.
Es ist bemerkenswert: Gott lässt diese Prüfung zu.
 
Nicht um Menschen zu zerstören.
Sondern damit sichtbar wird, worauf ihr Vertrauen wirklich gegründet ist.
 
Jesus weiß, dass seine Jünger kurz vor einer schweren Erschütterung stehen.
Sie werden erleben, wie Jesus verhaftet wird.
Sie werden seine Verurteilung sehen.
Sie werden zusehen müssen, wie er gekreuzigt wird.
Und mit ihm werden scheinbar auch ihre Hoffnungen sterben.

Wenn Sicherheiten zerbrechen

Diese Worte treffen auch uns.
Damals, zu Beginn der Corona-Pandemie, wurde plötzlich deutlich, wie zerbrechlich unsere Sicherheiten sind.
 
Vieles, was selbstverständlich erschien, stand plötzlich infrage.
Vielleicht waren wir manchmal zu sicher.
Vielleicht dachten wir:
Es wird immer weiter aufwärtsgehen.
Wir haben alles im Griff.
 
Doch plötzlich wurden unsere Gewissheiten erschüttert.
Und Corona ist nicht die einzige Krise.
 
Immer wieder erleben Menschen:
  • Krankheit
  • Verlust
  • Enttäuschung
  • zerbrechende Beziehungen
  • gescheiterte Pläne
Solche Erfahrungen können unseren Glauben ganz schön durchschütteln.
Manche sagen irgendwann:
Seitdem ich das erlebt habe, kann ich nicht mehr glauben.
 
Bei anderen verschwindet der Glaube nicht ganz, aber er verliert seine Kraft.
Gebete verstummen.
Vertrauen schwindet.
Die innere Geborgenheit geht verloren.
Und doch kann gerade dieses Durchgeschütteltwerden auch ein Wachrütteln sein.

Du wirst gehalten

Mitten hinein spricht Jesus den zweiten Satz:
„Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre.“
Jesus weiß, dass Petrus die nötige Kraft nicht aus sich selbst hervorbringen kann.
 
Er weiß:
Guter Wille allein reicht nicht.
Mut allein reicht nicht.
Selbstsicherheit reicht nicht.
 
Darum betet Jesus für Petrus.
Der Evangelist Johannes nennt Jesus den Beistand.
Den, der an unserer Seite steht.
Den Fürsprecher.
Den Anwalt.
Denjenigen, der für uns eintritt.
 
Jesus sagt:
„Ich habe für dich gebetet.“
Nicht:
„Du musst stärker werden.“
Nicht:
„Reiß dich zusammen.“
Sondern:
„Ich halte dich fest.“
 
Dabei fällt etwas Erstaunliches auf:
Jesus bittet Gott nicht darum, Petrus vor der Krise zu bewahren.
Er erspart ihm das Scheitern nicht.
Petrus wird fallen.
Petrus wird versagen.
Petrus wird Jesus verleugnen.
Aber Jesus lässt ihn trotzdem nicht los.

Keine Helden, sondern Gehaltene

Vielleicht kennen wir die Geschichte von Petrus auf dem See.
Er steigt aus dem Boot.
Geht auf dem Wasser.
Und beginnt zu sinken.
 
Doch genau dadurch lernt er etwas Entscheidendes:
Nicht seine eigene Kraft trägt ihn.
Sondern Jesus.
 
Deshalb möchte ich einen Satz besonders hervorheben:
Im Glauben gibt es keine Helden, sondern nur Gehaltene.
 
Unser Glaube lebt nicht von unserer eigenen Standhaftigkeit.
Er lebt davon, dass Jesus uns festhält.
 
Paulus formuliert es ähnlich:
„Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollenden.“
Nicht unsere Stärke trägt uns.
Sondern Gottes Treue.

Du wirst beauftragt

Und dann kommt die dritte Zusage.
Jesus sagt:
„Wenn du einst umkehrst, dann stärke deine Brüder und Schwestern.“
 
Das ist erstaunlich.
Gerade Petrus.
Der versagen wird.
Der Jesus verleugnen wird.
 
Ausgerechnet dieser Petrus soll später andere stärken.
Warum?
Weil Menschen, die selbst durch Krisen gegangen sind, andere oft besser verstehen können.
Wer selbst getragen wurde, kann andere tragen.
Wer selbst Trost erfahren hat, kann Trost weitergeben.
Wer eigene Schwäche kennt, wird barmherziger gegenüber den Schwächen anderer.
 
Darum bekommt Petrus eine Aufgabe.
Er soll anderen helfen.
Er soll anderen Mut machen.
Er soll andere stärken.
Nicht trotz seines Versagens.
Sondern gerade mit dieser Erfahrung.

Jesus lässt uns nicht los

Vielleicht erleben wir selbst gerade eine Zeit, in der unser Leben durchgeschüttelt wird.
Vielleicht tragen wir Sorgen.
Vielleicht haben wir Angst.
Vielleicht fühlen wir uns schwach.
 
Dann gilt uns dieselbe Zusage wie Petrus:
Du wirst gehalten.
Jesus lässt seine Menschen nicht los.
Er bleibt treu.
Er trägt durch Krisen.
Er hält fest, wenn wir selbst keinen Halt mehr finden.
 
Und gerade deshalb dürfen wir anderen Hoffnung weitergeben.
Denn wir müssen keine Helden sein.
Wir dürfen Gehaltene sein.
 
Amen.