Warum Gott Spannungen zulässt

- 05.07.2026 - 

5. Sonntag nach Trinitatis

Warum gibt es Spannungen im Leben und was will Gott uns darin zeigen? Tabea Richardson geht in dieser Predigt zu Johannes 17 der Frage nach, wie Krisen, Unsicherheit und ungelöste Fragen zu Orten der Gottesbegegnung werden können.

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Die Worte Jesu aus Johannes 17 entstehen an einem entscheidenden Wendepunkt der Passionsgeschichte. Kurz vor seiner Gefangennahme betet Jesus für seine Jünger und spricht über das Spannungsfeld, in dem Christen leben: zwischen Gegenwart und Zukunft, Hoffnung und Herausforderung, schon jetzt und noch nicht.
 
Die Predigt fragt: Warum lässt Gott Spannungen in unserem Leben zu? Und wie können gerade ungelöste Situationen zu Orten werden, an denen wir Gottes Nähe, Liebe und Treue neu erfahren?
 
Im Mittelpunkt steht die Aussage Jesu:
„Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich erkennen.“
Gott erkennen heißt leben.

Predigt zu Johannes 17,1–17

(5. Juli, Tabea Richardson, Evangelische Kirche Steinen)

Der Wendepunkt

Die Szene, in der Jesus dieses Gebet spricht, ist an Spannung kaum zu überbieten.
 
Wenige Augenblicke später wird er im Garten Gethsemane gefangen genommen. Die Passionsgeschichte erreicht ihren entscheidenden Wendepunkt. Das Leiden Jesu beginnt.
 
Und genau in diesem Moment betet Jesus.
Er betet für seine Jünger.
Er betet für die Menschen, die ihm später nachfolgen werden.
Er betet für uns.
 
Jesus kennt die Spannung, in die seine Jünger hineingestellt werden. Die Spannung zwischen Himmel und Erde. Zwischen Gegenwart und Zukunft. Zwischen Gottes Reich und einer Welt, die noch nicht erlöst ist.
 
Er weiß:
Wir sind noch hier.
Er ist beim Vater.
Eines Tages werden wir bei ihm sein.
Aber jetzt leben wir noch in dieser Welt.
In diesem Körper.
Mitten in allen Herausforderungen des Lebens.
 
Jesus spürt diese Spannung.
Und sie führt ihn ins Gebet.
 
Vielleicht ist das bereits die eigentliche Botschaft dieser Predigt:
Die Spannungsverhältnisse unseres Lebens laden uns in eine tiefere Begegnung mit Gott ein.

Schon jetzt und noch nicht

Jede gute Geschichte lebt von Spannung.
Man weiß noch nicht genau, wie sie ausgeht.
Man weiß noch nicht genau, wohin der Weg führen wird.
 
Auch Gottes Geschichte mit dieser Welt lebt von einer solchen Spannung.
 
Die Bibel beschreibt sie mit den Worten:
Schon jetzt.
Und noch nicht.
 
Schon jetzt ist Gottes Reich angebrochen.
Schon jetzt hat Jesus Christus die Welt durch seinen Tod und seine Auferstehung erlöst.
 
Und gleichzeitig ist noch nicht alles gut.
Es gibt Leid.
Es gibt Krankheit.
Es gibt Konflikte.
Es gibt Fragen, die offen bleiben.
 
Wir leben genau in diesem Spannungsfeld.

Gott erkennen heißt leben

Jesus spricht in seinem Gebet einen bemerkenswerten Satz:
„Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich erkennen, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus.“
 
Viele Menschen stellen sich das ewige Leben wie eine endlose Zeitlinie nach dem Tod vor.
 
Jesus spricht anders.
Für ihn beginnt das ewige Leben nicht erst irgendwann.
Es beginnt jetzt.
 
Dort, wo Menschen Gott erkennen.
Dort, wo Menschen ihm begegnen.
Dort, wo Menschen seine Gegenwart erfahren.
Gott erkennen heißt leben.

Der Regenbogen

Ein eindrucksvolles Bild dafür finden wir bereits ganz am Anfang der Bibel.
Nach der Sintflut spannt Gott den Regenbogen über die Erde.
 
Interessant ist:
Der Regenbogen entsteht aus einer Spannung.
Aus Sonne und Regen.
Aus Licht und Wolken.
 
Gerade in diesem Spannungsverhältnis wird Gottes Treue sichtbar.
Und Gott verbindet sein Versprechen mit den Worten:
Solange die Erde besteht, sollen Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht aufhören.
 
Gott selbst spannt den Bogen seiner Treue in die Spannungen unserer Welt hinein.
Gerade dort wird sein Wesen sichtbar.
Gerade dort können wir ihn neu erkennen.

Die Ungelöstheiten des Lebens

Unser Leben besteht aus vielen Spannungen.
 
Vielleicht erleben wir Krankheit.
Vielleicht warten wir seit langer Zeit auf Heilung.
Vielleicht stehen wir vor Fragen, für die es keine einfachen Antworten gibt.
Vielleicht leben wir in Beziehungen, die schwierig geworden sind.
Oder wir befinden uns mitten in einer Krise.
 
Dann wünschen wir uns meist schnelle Lösungen.
 
Doch vielleicht geschieht etwas anderes.
Vielleicht lädt Gott uns gerade dort ein, ihm neu zu begegnen.
 
Nicht erst dann, wenn alle Probleme gelöst sind.
Sondern mitten in der Spannung.

Gottes Nähe

Jesus wusste, dass seine Jünger seine sichtbare Gegenwart vermissen würden.
 
Deshalb versprach er ihnen den Heiligen Geist.
Den Tröster.
Den Beistand.
Denjenigen, der uns Gottes Liebe bezeugt.
 
Der Apostel Paulus schreibt:
Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist.
 
Gerade in schwierigen Situationen dürfen wir damit rechnen:
Gott ist da.
Er ist Immanuel.
Gott mit uns.
 
Nicht irgendwann.
Nicht später.
Sondern jetzt.

Ist Gottes Liebe genug?

Wenn wir angespannt sind, wenn wir Sorgen haben oder schwere Fragen mit uns tragen, dann suchen wir oft nach Lösungen.
 
Doch manchmal stellt Gott zuerst eine andere Frage:
Vertraust du meiner Liebe?
 
Kann es sein, dass Gottes Liebe auch dann da ist, wenn sich die äußeren Umstände noch nicht verändert haben?
Kann es sein, dass seine Gegenwart wichtiger ist als die sofortige Lösung eines Problems?
Vielleicht geschieht Gottes Wirken gerade dort, wo wir lernen, uns seiner Liebe neu anzuvertrauen.

Bewahrt und betroffen zugleich

Jesus sagt in seinem Gebet:
„Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.“
 
Das klingt zunächst widersprüchlich.
 
Denn wir erleben doch Leid.
Wir erleben Verlust.
Wir erleben Krisen.
 
Sind wir wirklich bewahrt?
 
Vielleicht müssen wir lernen, beides gleichzeitig zu denken:
Wir sind betroffen.
Und wir sind bewahrt.
 
Gott verspricht nicht immer die Abwesenheit von Schwierigkeiten.
Aber er verspricht seine Gegenwart mitten darin.

Ein Erlebnis im Gewitter

Ein Erlebnis aus dem Familienurlaub hat mich daran erinnert.
 
Wir waren mit einem Zelt unterwegs, als nachts plötzlich ein heftiges Gewitter aufzog.
Der Regen prasselte auf das Zeltdach.
 
Ich wurde wach und fragte mich, ob das Zelt halten würde.
In diesem Moment kam mir ein Kinderlied in den Sinn:
„Doch den allerbesten Schirm, den es nur gibt, den hat unser Vater in dem Himmel, der uns liebt.“
 
Ich dachte:
Schön. Gott beruhigt mich gerade.
Alles wird gut.
 
Wenig später stellten wir fest:
Das Wasser kam an allen möglichen Stellen ins Zelt.
Von Ruhe konnte keine Rede mehr sein.
War das Lied also falsch?
 
Nein.
 
Vielleicht war es Gottes liebevolle Erinnerung:
Vertraue mir.
Und steh jetzt trotzdem auf und sichere dein Zelt.
 
Bewahrt und betroffen zugleich.

In Treue gebeugt

Ein schwieriger Vers aus Psalm 119 sagt:
„In Treue hast du mich gebeugt.“
 
Ein herausfordernder Gedanke.
 
Und doch steckt darin eine tiefe Wahrheit:
Gott kann selbst schwierige Erfahrungen gebrauchen.
 
Nicht weil Leid an sich gut wäre.
Sondern weil er in allem gegenwärtig bleibt.
Weil er uns formt.
Weil er uns verändert.
Weil er uns näher zu sich zieht.

Gottes Wesen erkennen

Vielleicht ist dies der eigentliche Sinn vieler Spannungen:
Dass wir Gottes Wesen tiefer erkennen.
Seine Treue.
Seine Liebe.
Seine Geduld.
Seine Gegenwart.
Seine Hoffnung.
 
Gott erkennen heißt leben.
Und manchmal lernen wir ihn gerade dort am tiefsten kennen, wo unser Leben nicht glatt verläuft.

Schluss

Vielleicht werden die Spannungen unseres Lebens nicht sofort verschwinden.
Vielleicht bleiben Fragen offen.
Vielleicht müssen wir mit manchen Dingen noch lange leben.
 
Aber wir dürfen wissen:
Gott ist da.
Mitten in allem.
Mitten in der Spannung.
Mitten in den ungelösten Fragen.
Mitten im Leben.
 
Und genau dort lädt er uns ein, ihn neu zu erkennen.
 
Denn:
Gott erkennen heißt leben.
 
Amen.