In einer heruntergekommenen Wohnung in Hamburg St. Georg besucht Johann Hinrich Wichern eine in seinen Augen verwahrloste Familie. Er schreibt in sein Tagebuch:
„Die Mutter ist nur bekleidet mit einem Baumwoll-Leibchen und einem Baumwoll-Rock, zum Teil zerlumpt. Vier Kinder treffe ich an, ein großer Bengel, August, 23 Jahre, ein groß gewachsenes Mädchen, Marie, 13 Jahre, ein Knabe, Heinrich, acht Jahre, und der kleine Hans mit seinen fünf Jahren. Alles zerlumpte, blasse Gestalten, klappernd vor Hunger und Frost. Ich habe in traurige, ausdruckslose Augen gesehen, ohne Hoffnung auf morgen. Der kranke Vater liegt mit Lungenentzündung im Bett. Feuer haben sie nicht mehr gehabt seit langer Zeit. Zu essen haben sie ein Stück Brotrinde, das sie sich teilen. Was für ein Elend.“
So seine Tagebuchaufzeichnungen.
Er geht die Not im Rahmen seiner Möglichkeiten an.
Er wird so zum barmherzigen Samariter vieler Menschen, verändert durch geistliche und lebenspraktische Ausbildung und Begleitung das Leben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
In dem Sinn rettet er - dies sein Verständnis - Menschen und gibt ihnen neue Lebens- und Ewigkeitsperspektive.
Er wird zum Menschenretter. Aus Gottesliebe, aus Liebe zum auferstandenen Jesus und aus Liebe zu seinen Mitmenschen.
Er stösst durch seine Menschenrettungsaktion einige Dinge an, die bis heute Bestand haben. Sein Erbe kann man wie folgt beschreiben:
Er gründet ein Rettungshaus in Hamburg, was zum sicheren Hafen für zunächst Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen wird. Das sogenannte „Rauhe Haus“.
Dieses Haus gibt es immer noch und ist zum größeren christlichen Werk gereift.
Unsere ehemaligen und die 30 neuen Konfis profitieren noch heute davon, weil das Konfi-Material vom Verlag des Rauhen Hauses kommen.
Wichern bildet im Rauhen Haus gezielt Diakone aus. Diese unterstützen die Arbeit mit Jugendlichen im Haus, werden aber zu einem Ausbildungsmodell, von dem sich die heutige landeskirchliche Diakonenausbildung ableitet.
Er initiiert die heute deutschlandweit tätige organisierte Form der Diakonie, die Menschen geistlich wie körperlich / seelisch begleitet und Not lindert.
Und er ist der Erfinder des Adventskranzes. Doch dazu später mehr…
Doch nun mal der Reihe nach…
Es ist eine Geschichte in drei Kapitel mit einem sehr praktischen Abschluss.
Das erste Kapitel lautet: „Der Menschenretter“.
Es spielt um 1800 herum und in den Folgejahren.
Die Zeit ist gekennzeichnet von einer Verarmung und Verwahrlosung großer Bevölkerungsschichten. Sowohl auf dem Land, wie in der Stadt. „Pauperismus“ heisst die Erscheinung, von lateinisch „pauper“ gleich „arm“.
Die Ursachen sind vielfältig.
Die Bevölkerung und damit auch Kinderanzahl war stark gewachsen. Das war u.a. möglich, weil die Ernteerträge um ein vielfaches zunahmen und mehr Menschen ernährt werden konnten. Die Einführung der Kartoffel als Grundnahrungsmittel brachte bei gleicher Ackerfläche wie Getreide den rund 3,6fachen Ertrag bei höherem Nährwert.
Als dann Missernten und die Kartoffelfäule sich ausbreiteten, konnte die gewachsene Bevölkerung nicht mehr ausreichend ernährt werden. Hungersnöte trieben die Menschen entweder ins Ausland – z.B. Amerika – oder in die Städte.
Dort gab es aber nicht genug Arbeit für alle, was das Problem noch verstärkt und Hoffnungslosigkeit machte sich breit.
Diese betäubte man mit Alkohol. Mangelnde Hygiene führte zu Krankheiten. Eine allgemeine Verwahrlosung der Menschen und der Sitten war allgegenwärtig. Leidtragende waren auch viele Kinder, die auf der Strasse landeten und versuchten, sich so gut wie möglich durchzuschlagen.
Straffällig gewordene Kinder und Jugendliche wurden in Gefängnisse und auch in Besserungsanstalten gesteckt, was aber in den seltensten Fällen half.
Der Staat war hoffnungslos mit der Lage überfordert. Funktionierende Sozialsysteme gab es nicht.
In diese Zeit hinein wurde Wichern 1808 in Hamburg geboren. Als ältestes Kind von 7. Der Vater starb als er 16 Jahre als war.
Geistlich war die Familie und er von der sogenannten Erweckungsbewegung geprägt.
Missionare und Pfarrer dieser Bewegung riefen Menschen vermehrt und sehr erfolgreich in die Nachfolge Jesu.
Von Gott veränderte Menschen, änderten ihr Leben, bekamen neue Lebensperspektive und begannen wieder andere in die Jesusnachfolge einzuladen. An vielen Orten entstanden mehr oder weniger organisiert auch soziale Hilfsangebote. Man wollte den Menschen mit den Evangelium und der Tat dienen. Die Liebe Jesu auch ganz praktisch anderen nahe bringen.
Wichern wollte Theologie studieren. Da er sich das Studium nicht leisten konnte, wurde er finanziell von Freunden aus diesen erwecklichen Kreisen gefördert und unterstützt. Er konnte so in Göttingen und Berlin studieren.
Nach seinem Abschluss bekam er in Hamburg, im Ortsteil St. Georg in der Kirchengemeinde eine erste – allerdings nur ehrenamtliche Anstellung, wo er Kinder in der Sonntagsschule unterrichtete. Er besuchte die Kinder und Familien auch zu Hause und sah die große Not. Wir haben vorhin davongehört.
Die Lösung aus Not und Verwahrlosung sah für Wichern wie folgt aus: Wenn Menschen sich neu auf Jesus besinnen, ihn als Massstab auch für ihr Leben sehen und nach seinen Empfehlungen handeln, dann wird sich auch sozial ihre Situation verändern.
Er wollte Menschen retten: erst geistlich und auch sozial.
Dieses Anliegen prägte dann sein ganzes weiteres Leben.
Er regte in der Gemeinde an, ob man nicht eine Arbeit beginnen könnte, um zunächst einmal die Kinder zu „retten“, wie er sagte.
Dies stiess auf großen Zuspruch. Erste Spenden – auch größere kamen rein. Man gründete eine Stiftung.
Ein Rettungshaus musste noch gefunden werden. Dies war 1833.
Das Haus war ein Bauernhaus mit teil anrüchiger Vorgeschichte, was mittlerweile leer stand. Der Senat der Stadt Hamburg überliess es ihm zur Miete.
Und Wichern begann seine Rettungsarbeit mit zunächst 12 Jungen.
Die Arbeit wuchs. Später kamen auch Mädchen hinzu und entstand ein kleines Dorf rund um das alte Bauernhaus herum.
Das sogenannte „Rauhe Haus“ war geboren.
Rauhes Haus hiess es schnell umgangssprachlich, zum einen, weil es früher wohl mal einem Bauern Ruge gehörte. Daraus wurde dann „rauh“.
Rauh aber auch wegen der rauhen und schwierigen Kinder, die dort untergebracht und betreut wurden.
Wicherns Erziehungsmethode war aber alles andere als rauh. Nicht über Druck und Strafe, wie damals üblich. Sondern eine Kombination von religiöser Erziehung in einer familienähnlichen Gemeinschaft und ein Leben mit dem Evangelium, das von Liebe und Barmherzigkeit, Vergebung und Nächstenliebe spricht.
Dies wurde schon bei Aufnahme ins Haus deutlich, wenn Eltern ihre Kinder dort für einige Jahre abgaben.
Das Aufnahmeritual ist uns überliefert: es fand immer frühmorgens statt. Das Kind wurde gebadet und neu eingekleidet. In einem Gespräch unter vier Augen sagte der Hausvater – anfangs Wichern selbst - dem Kind das folgende:
„Mein Kind, dir ist alles vergeben. Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist. Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel, nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier, du magst wollen oder nicht, du magst sie zerreißen, wenn du kannst, diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld. Das bieten wir dir, und was wir fordern, ist zugleich das, wozu wir dir verhelfen wollen, nämlich, dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übest gegen Gott und den Menschen!“
Es gab tägliche Andachten, christlichen Unterricht, sonntägliche Gottesdienste, um dem Kind den Weg zu Jesus zu erklären und zu ebnen.
Aber auch tägliche – bis auf sonntags - Arbeiten in Werkstätten und die Ausbildung zu einem Beruf waren ein wichtiger Pfeiler, um die Jugendlichen zu formen und neue Lebensperspektive zu geben.
In aller Regel konnten so die Jugendlichen nach Abschluss ihrer Zeit das Rauhe Haus wieder als ausgebildete Arbeiter verlassen und für den eigenen Lebensunterhalt sorgen.
Oder sie blieben gleich da und förderten die nachfolgende Generationen durch Mitarbeit im Rauhen Haus.
Sie wurden dann zu „Brüdern“ und erfuhren eine weitere Ausbildung und Schulung zu Diakonen.
Dies ist das nächste Kapitel: Das Diakonat.
Wurden zunächst nur Brüder zu Diakonen ausgebildet, waren es später auch Schwestern.
Diese wurden vom Rauhen Haus auch ausgesandt, um an anderen Orten den Menschen mit dem Evangelium von Jesus Christus und mit der Tat der Liebe zu dienen.
Die Diakone verstand man als Ergänzung zum Pfarramt in einer speziellen Zuspitzung des Dienstes und zwar der tätigen Nächstenliebe.
Somit wurde Wichern zu einem Begründer der Diakonenausbildung. Eine Ausbildung in theologischer wie sozialdiakonischer Prägung, wie es sie heute noch gibt.
Das dritte Kapitel heisst: „Centralausschuss für Innere Mission“.
Wichern erkannte, dass es zwar mittlerweile viele Initiativen und ehrenamtliche Dienste der tätigen Nächstenliebe gab, dies aber eher unstrukturiert existierten.
Es war mittlerweile das Jahr 1848 und ein Evangelischer Kirchentag wurde einberufen. Wichern hatte sich deutschlandweit mit seinem Rauhen Haus einen guten Namen in der Kirche gemacht. Auf dem damaligen Kirchentag war er als einer der Redner eingeladen. Er hielt eine flammende Rede, wo er nicht nur die Not in Deutschland schilderte, sondern auch vorschlug, Deutschland im Innern zu missionieren und den Menschen hier auch ganz praktisch neue Hoffnung und Lebensperspektive zu geben. Hierzu bräuchte es mehr Vernetzung und Austausch der verschiedenen Initiativen, um besser und grossflächig Menschen helfen zu können.
Daraufhin beschloss die Ev. Kirche in Deutschland den sogenannten Centralausschuss für Innere Mission zu gründen, dem dann Wichern vorstand.
Das Ziel war anfangs so beschrieben: Frauen aus der Prostitution heraushelfen, Gefangene zu begleiten und allgemein armen Menschen zu helfen.
Dieses Anliegen der Inneren Mission wurde bis in neuere Zeit weiterverfolgt. Es kam dann nach dem zweiten Weltkrieg noch zur Gründung eines Hilfswerks der Ev. Kirche hinzu. Im Jahr 1975 wurde die Arbeit der Inneren Mission mit dem Hilfswerk vereinigt und heisst wie es auch heute noch heisst: Diakonisches Werk der Ev. Kirchen in Deutschland.
Wichern wurde so damals mit seinem Anliegen, grossflächig und deutschlandweit die Liebe Jesu in Wort und Tat weiterzugeben zum Vorläufer des heutigen Diakonischen Werkes.
Viel Segen ging so von Wichern aus. Weil er die Not damals sah und tatkräftig mit der Hilfe Gottes Dinge anpackte und zum Positiven veränderte.
Was können wir von Wichern lernen? Wozu kann er uns herausfordern, damit es nicht nur bei einer spannenden Geschichtsstunde bleibt?
Stellen wir uns mal die Frage: wie sieht Not heute aus? Vielleicht nicht mehr so krass wie zu Wichern Zeiten. Viel hat sich zum Guten verändert.
Und doch gibt es immer noch viel Not. Auch in Deutschland.
Hier einmal ein paar der heutigen Nöte:
Da gibt es das große Thema Einsamkeit. Das betrifft junge wie ältere Menschen. Wir sind ja medial vernetzt wie noch nie, doch häufig auch trotz Arbeit, leben viele alleine, haben wenig oder keine Freunde und fühlen sich einsam. Wen kümmert es, wenn diese Menschen krank sind, einen Unfall haben?
Oder Not ist, wenn man in schwierigen Umständen lebt.
Durch Grundsicherung ist vieles nicht möglich, was für andere Selbstverständlich ist: Kino, Essen gehen, Theater Urlaub etc.
Finanzielle Armut: Kein Geld für Auto, oder E-Bike führt zu mangelnder Mobilität. Schulausflüge, Urlaube - auch Gemeindefreizeiten – können unerreichbare Ziele sein.
Not durch schwierige Familienkonstellationen, wo es Kinder sehr schwer haben können und viel durchmachen müssen. Und das Jugendamt irgendwann vor der Haustür steht…
Not auch bei chronisch kranken Menschen, dementen Menschen, Menschen mit Behinderung, die kein sorgendes Netz um sich herum haben. Oder nachdem sich anfangs viele kümmern, wird es immer weniger und irgendwann fragen nur noch wenige nach. Oder gar nicht mehr. Menschen geraten in Vergessenheit – oder fühlen sich zumindest so.
Oder Not durch Ungerechtigkeit, durch Mobbing. Wo andere schlecht behandelt werden. Viel Not entsteht durch wegschauen oder auch mitmachen.
Es gibt noch viele andere Arten von Nöten. Und wir könnten bei mehr Zeit sicherlich noch eine ganze Sammlung zusammenstellen.
Wichern würde sich heute fragen: Wie kann ich hier tätige Liebe üben? Oder für uns: Wie können wir zum barmherzigen Samariter für andere werden? Ein Hoffnungslicht im Dunkel? Ein Grund zum Lächeln in aller Schwere?
Zunächst können wir uns der Frage stellen: wollen wir überhaupt anderen in Not helfen?
Das ist eine zentrale Frage. Wenn wir hier innerlich sagen „ich will nicht, ich kann nicht, habe keine Zeit, kein Geld, keine Energie, es fällt mir schwer“ – dann werden wir nicht aktiv. Punkt.
Dem kann man begegnen durch ein einfaches Gebet. Z.B. so: „Herr schenke mir wieder neu dein Herz für diejenigen, die Hilfe nötig haben!“ Oder: „Herr schenke mir Zeit, Mittel und die Energie hier tätig werden zu können!“
Wir können mit offenen Augen und Ohren durch den Ort, oder in Veranstaltungen gehen. Hinschauen, wo die Menschen sind, die meine Hilfe brauchen. Wer hinschaut, wer nachfragt, sich interessiert, wird entdecken – da bin ich überzeugt.
Und auch hier können wir beten: „Herr, zeige du mir Personen, denen ich eine Hilfe sein kann.“ Und lass dich überraschen, wenn Gott dir über den Weg führt.
Übrigens: keiner muss sich um alle Nöte und alle Menschen dieser Welt kümmern. Das kann kein Mensch, sondern nur Gott.
Aber wenn jeder von uns mindestens eine notleidende Person auf dem Herzen hat, dann ist schon ganz vielen Menschen geholfen.
Wir sind hier im Gottesdienst rund ?? Personen. Wenn jeder eine Person begleitet, ist schon mal ?? Personen geholfen. Manche habe auch Zeit und Energie sich um mehrere zu kümmern. Warum dann nicht? Umso besser.
Wenn wir uns in Menschen in Not kümmern wollen. Dann kann das konkret heissen:
Ich nehme mir Zeit für ein Gespräch, ich höre zu.
Ich verbringe Zeit mit der Person. Vielleicht bei einem Spaziergang.
Wenn es am Essen mangelt: warum nicht die Person zum einkaufen begleiten und einfach für sie an der Kasse zahlen?
Wir können die Person im Gebet täglich tragen und sie Gott anbefehlen.
Wenn sie kein Auto haben, können wir ihnen einen Fahrdienst anbieten.
Wir können immer wieder mal nachfragen, wie es der Person geht. Am Telefon, oder auf anderem Wege.
Und und und… der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt.
Was ist Wicherns geistliches Erbe?
Ich würde es so beschreiben. Wir können ihn zum Vorbild nehmen und Menschen in Not zum barmherzigen Samariter zu werden.
Ganz dem Gebot Jesu:
Liebe Gott – und deinen Nächsten, wie dich selbst.
Dies war auch Wichern Leitschnur. Zu handeln, wie Jesus es getan hätte.
Und auch heute ist kann uns das immer wieder als Leitschnur dienen, wenn wir fragen: was würde Jesus nun tun?
Und bevor das Amen kommt, möchte ich noch eine letzte offene Frage klären. Die nach dem Ursprung des Adventskranzes.
Wichern wurde von seinen Kindern im Rauhen Haus in der Adventszeit immer ungeduldig gefragt, wann denn endlich Weihnachten wäre.
Er kam dann auf die folgende Idee: er nahm ein Wagenrad, steckte 24 kleine auf und 4 große Kerzen auf. Für jeden Tag eine kleine Kerze und sonntags eine große. So konnten die Kinder sich auf Weihnachten gedanklich vorbereiten. Und für die lernschwachen Kinder war es auch ein Vorteil: so konnten sie das Zählen und Rechnen leichter lernen.
Ideen muss man haben!
Und vielleicht denkt ihr beim nächsten Advent an diesen Johann Hinrich Wichern. Und daran, wie er zu barmherzigen Samariter für viele wurde, Not linderte und Menschen geistliche wie sozial rettete. Und bekommt Ideen, wie auch du und ich anderen in Not zum Hoffnungslicht werden können.
Amen