Elisabeth von Thüringen - Die Landgräfin und Heilige | Segensspuren
- 07.09.2025 -
(7. September 2025, Prädikantin Gerrit Schmidt-Dreher, Evangelische Kirche Steinen)
12. Sonntag nach Trinitatis
Brot und Rosen: Elisabeth von Thüringen lebte als Landgräfin auf der Wartburg und entschied sich für Menschen in Not.
Im Gottesdienst der Reihe „Segensspuren“ fragt Prädikantin Gerrit Schmidt-Dreher, was ihre Geschichte uns heute über Glauben, Mitgefühl und Nächstenliebe sagt.
Weitere Predigten und Livestreams:
Zum YouTube-Kanal Ev. Kirchengemeinde Steinen
Zum YouTube-Kanal Ev. Kirchengemeinde Steinen
Was bleibt von einem Leben, das nur 24 Jahre dauerte?
Im Gottesdienst der Sommerkirche folgen wir den Segensspuren Elisabeths von Thüringen. Die Predigt erzählt von Brot und Rosen, von ihrem Leben auf der Wartburg und davon, wie sie sich Menschen in Armut und Krankheit zuwandte.
Sonntagsgottesdienst aus der Petruskirche Steinen mit Prädikantin Gerrit Schmidt-Dreher. Die Predigt gehört zur Reihe „Segensspuren“.
Lieder im Gottesdienst:
- EG 455: Morgenlicht leuchtet
- FJ1, 6: Lobe den Herrn, meine Seele · CCLI-Nr. 4322542
- NL 86: Wenn das Brot, das wir teilen
- EG 171: Bewahre uns Gott
CCLI-Liedlizenz: 5100265
Predigt zu „Elisabeth von Thüringen - Die Landgräfin und Heilige“
Sommerkirche
Weitere Predigten und Livestreams:
Zum YouTube-Kanal Ev. Kirchengemeinde Steinen
Zum YouTube-Kanal Ev. Kirchengemeinde Steinen
Gott, gib uns ein Herz für dein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.
Liebe Gemeinde,
mit der berühmtesten Legende, die über Elisabeth erzählt wird, will ich beginnen.
Von der Wartburg kommt zu Fuß, begleitet von einer Magd, die Markgräfin. Sie ist in ein ganz schlichtes Gewand gekleidet und trägt einen großen, schweren Korb am Arm. Sie steigt ins Tal. Ihr entgegen reitet ihr Schwager Heinrich Raspe. Er hält an und sagt spöttisch:
„So, so, Elisabeth, wieder mal Brot vom gräflichen Tisch unterwegs zu den Bettlern. Ihr wisst schon, dass das von der Familie nicht gerade gern gesehen wird.“
Elisabeth schweigt. Sie schlägt das Tuch über dem Korb zurück. Der Korb ist gefüllt mit Rosen. Sie geht weiter bergab.
Brot und Rosen. Wir haben eben in der ersten Strophe des Liedes davon gesungen: Brot und Rosen. Das ist ein Bild geworden, mit dem man das gesamte menschliche Dasein umschreiben kann. Brot: die materielle Voraussetzung zum Leben, notwendig für alles Leben, das Irdische. Rosen: die Schönheit, der Luxus, das Geistige, das Himmlische.
Wir Christinnen und Christen denken sofort: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ja, wir brauchen beides, Brot und Rosen, Erde und Himmel.
Und in Elisabeths Leben gab es natürlich auch beides. Rosen: Glück und Liebe, Ehe und Mutterschaft, eine Aufgabe, die sie erfüllt, die Zuversicht, dass Jesus sie sieht und ihren Weg begleitet. Brot: Alltag, viele Regeln, die ihr Beichtvater vorgibt, Streit in der Familie, Trauer um den Ehemann und der Kampf um ihren persönlichen Besitz, mit dem sie armen und kranken Menschen helfen will.
Jetzt muss ich doch noch etwas zum historischen Hintergrund sagen. Das müssen Sie einer alten Geschichtslehrerin schon verzeihen.
Elisabeth ist 1207 geboren. Wir stehen also am Anfang des 13. Jahrhunderts. Hochmittelalter nennen wir diese Epoche in Deutschland. Es ist eine Blütezeit der Literatur: Parzival und das Nibelungenlied werden geschrieben, der Minnesang blüht. Eine hohe Dame wird vom Ritter besungen und verehrt. Er kann bestenfalls ein holdes Lächeln oder eine Blume für seine Mühen ernten.
Der Hof auf der Wartburg war berühmt für seine Kultur und für die bedeutenden literarischen Persönlichkeiten, die dort verkehrten. Das wäre eine Möglichkeit für Elisabeth gewesen: eine hohe, gebildete Dame, fein frisiert und gekleidet, umgeben von Musik, Tanz, Turnieren und Minnesang.
In dieser Zeit beginnt in der Kirche aber zugleich eine Armutsbewegung. Zu Lebzeiten Elisabeths lebt auch Franz von Assisi. Er gründet einen Orden, der sich nicht mehr hinter Klostermauern einschließt, sondern zu den Menschen in den damals wachsenden Städten geht, zu Predigt und Seelsorge. Es entstehen Bettelorden, die keinerlei Besitz haben dürfen. Das ist eine innerkirchlich heftige Kritik an der damaligen Kirche und ihrem Reichtum. Es gibt entsprechende Armutsbewegungen unter Laien, gerade auch unter Frauen.
Gleichzeitig wird heftig für die letzten Kreuzzüge geworben. Man bekommt einen vollständigen Erlass der Sündenstrafen, also einen Ablass, wenn man das Kreuz nimmt, obwohl die Sache mit den christlichen Kreuzzugsstaaten in Palästina sich fast schon überlebt hat.
Und schließlich verbreitet sich ein neuer Baustil aus Frankreich nach Osten: die Gotik. Die Münster in Basel, Freiburg und Straßburg werden nach romanischen Anfängen nun gotisch weitergebaut. Mit Elisabeths Grabeskirche in Marburg wird ein rein gotischer Bau in Deutschland entstehen, begonnen kurz nach ihrem Tod.
Jetzt wissen Sie ein wenig über den Hintergrund. Nun also Elisabeths kurzes Leben.
Sie wird 1207 in Ungarn geboren, als Tochter von König Andreas II. und Gertrud, einer Hochadligen aus Bayern. Schon vier Jahre später, wir würden sagen: als Kindergartenkind, wird sie mit dem künftigen Landgrafen von Thüringen, Ludwig, verlobt. Der ist selbst auch noch ein Kind.
Da schütteln wir vermutlich ziemlich verständnislos den Kopf. Das war aber damals, zumindest in diesen hohen Kreisen, sehr üblich. Das ist Heiratspolitik, gewissermaßen eine Bündnisverpflichtung zwischen Herrscherhäusern, jetzt und für die Zukunft.
Elisabeth reist, immerhin mit einer gleichaltrigen Gefährtin, die bei ihr bleiben wird, von Ungarn nach Thüringen. Sie wird ihre Heimat nicht wiedersehen. Sie wächst auf der Wartburg im Kreis einer größeren Kinderschar auf. Sie genießt eine höfische Erziehung, zu der zum Beispiel auch für Mädchen das Reiten gehört. Man weiß, dass sie sehr gern und gut geritten ist. Vermutlich hat sie sogar etwas lesen und schreiben gelernt. Die Mädchen waren damals durchaus gebildeter als die jungen Burschen, die eher für Turnier und Kriegsdienst ausgebildet wurden.
Ludwig, ihr Bräutigam, folgt schon mit 16 Jahren seinem verstorbenen Vater als Landgraf. 1221 ist er 20 Jahre alt und Elisabeth 14. Da findet in Eisenach die Hochzeit der beiden statt. Ein Jahr später wird das erste Kind geboren, der Sohn Hermann, zwei Jahre später Sophia.
Ludwig und Elisabeth sprechen sich manchmal als „liebe Schwester“ und „lieber Bruder“ an. Vielleicht liegt das an ihrem gemeinsamen Aufwachsen, vielleicht aber auch am christlichen Verständnis, nach dem man einander Schwester und Bruder ist. Es gibt jedenfalls keinen Zweifel daran, dass es eine echte Liebesehe war, etwas sehr Seltenes in dieser Zeit. Ich glaube, das ist ein großes Stück Rosen in Elisabeths Leben gewesen.
Die beiden haben großes Vertrauen zueinander. Sie sind auch im Glauben stark miteinander verbunden und pflegen eine intensive persönliche Frömmigkeit.
Als 1226 eine Hungersnot ausbricht, ist Ludwig monatelang zum kaiserlichen Hoftag unterwegs. Elisabeth öffnet, als selbstständige Entscheidung, die Kornkammern des gräflichen Hauses und sorgt für eine gerechte Verteilung des raren Getreides. In diesem Jahr errichtet sie auch ein Hospital in Eisenach für die Notleidenden.
Ludwig hat das Kreuz genommen, das heißt: Er hat sich zum Kreuzzug verpflichtet. Elisabeth trägt das im Glauben mit, obwohl sie genau weiß, dass sehr viele nicht zurückkommen. Sie begleitet ihn zu Pferd auf der ersten Etappe seiner Reise. Ludwig erreicht das Heilige Land gar nicht. Er stirbt schon 1227 in Süditalien an einer Seuche. Kurz darauf wird das dritte Kind, Gertrud, geboren.
Eine kurze, glückliche Ehe und dann viel Kummer. Ein Teil der landgräflichen Familie war immer gegen Elisabeth. Sie hält es auf der Wartburg nicht mehr aus und lebt monatelang unter elenden Umständen, wechselnd und nur geduldet in Klöstern. Dabei kämpft sie immerhin erfolgreich um das ihr zustehende Witwengut. Denn sie hat einen Plan.
Sie will ganz in der Nachfolge Jesu leben. Als sie ihren Besitz erhalten hat, geht sie sofort nach Marburg, lässt ein Spital errichten und widmet sich ganz der Pflege der Ärmsten. Sie schreckt nicht einmal vor der Berührung von Leprakranken zurück. Sie legt ein Armutsgelübde ab, aber nicht als Nonne im Kloster. Sie trägt nur ein ärmliches Kleid und verschenkt im Laufe der Zeit buchstäblich alles, was sie hat.
Schon 1231 stirbt sie, völlig ausgezehrt und entkräftet, nach kurzer Krankheit. Sie stirbt, wie berichtet wird, ruhig und voller Überzeugung, dass sie zu Gott kommen wird. Fast sofort beginnt ein Heiligsprechungsprozess. Vier Jahre später wird sie heiliggesprochen, und der Grundstein zur Elisabethkirche wird gelegt. Das ging also sehr rasch.
Fragen wir uns am Schluss: Was ist nun das Wesentliche an Elisabeths Persönlichkeit? Wo trifft sie eigenständige Entscheidungen? Was bleibt auch für unsere Zeit bedeutsam?
Am deutlichsten wird das alles nach dem Tod ihres geliebten Ehemanns. Hier orientiert sie sich neu und verhält sich ungewöhnlich: keine neue Heirat. Auf dem Heiratsmarkt des Hochadels hätte sie als junge Frau mit hohem Titel durchaus große Chancen gehabt. Sie wird Aussteigerin aus dem höfischen Leben und entscheidet sich zur Jesusnachfolge in Armut.
Das entspricht den religiösen Frauenbewegungen ihrer Zeit, die auch mit dem Streben nach größerer Selbstständigkeit der Frauen verbunden waren. Sie findet als eine Art weltliche Schwester in Marburg die ihr entsprechende Lebensform.
Bei allem Bedürfnis zu helfen bleibt sie klug und überlegt. Sie ist fleißig, hat Talent zum Organisieren und ist großzügig im Verteilen von Almosen. Sie will nichts für sich. Persönlich ist sie völlig bedürfnislos. Für ihre Kinder sorgt sie, indem sie sie in der Welt des Adels beziehungsweise der Kirche belässt. Ihre Tochter Gertrud wird später eine bekannte Äbtissin.
Elisabeth sieht vor allem die leidenden Menschen. Ihnen widmet sie sich in ihren letzten Jahren ausschließlich. Persönliche Anteilnahme, Pflege, Gespräch und Scherz kennzeichnen ihren Umgang mit Kranken, vor allem mit Kindern. Heilung wird angestrebt, aber auch Begleitung bis zum Tod gegeben: eben Hospizarbeit.
Jeder Mensch ist für Elisabeth Bild Gottes. Das ist sicher der Kern von Elisabeths Heiligkeit. Gottesliebe und Nächstenliebe kommen zusammen. Im leidenden Menschen erkennt sie den leidenden Christus:
„Was ihr einem meiner geringsten Brüder, einer meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“
Ja, sie hat Hungrige gespeist, Durstige getränkt, Nackte gekleidet, Fremde aufgenommen, Kranke besucht, gepflegt und getröstet. Sie wusste sich immer vom Versprechen Jesu getragen: „Wenn du mit mir sein willst, will ich mit dir sein.“ Weil sie Gott vertraute und die Menschen liebte, konnte sie in ihrem letztlich armseligen Leben zufrieden und fröhlich sein.
Wie weit können wir sie verstehen?
Wenn wir die ungerechte Verteilung des Besitzes heute, die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich schlimm finden, können wir nachvollziehen, dass auch sie darunter litt. Wenn wir überzeugt sind, dass alle Menschen Gotteskinder sind, die ein Recht auf Leben und Eigentum haben, teilen wir eine weitere Überzeugung mit ihr.
Wenn wir uns manchmal wünschen, vorgegebene Pfade und Lebensrollen zu verlassen, wenn wir überzeugt sind, dass sich vieles ändern lässt, dann haben wir schon wieder eine Gemeinsamkeit gefunden. Und wenn es uns gelingt, in allen Mühen und Nöten geduldig und fröhlich zu sein und am Vertrauen zu Gott festzuhalten, sind wir auf ihrer Spur.
Ja, sie hat wirklich breite Segensspuren hinterlassen. Sie ist die Patronin der Caritas. Viele Kirchen, Krankenhäuser, Kindergärten und Hospize tragen ihren Namen. Viele Menschen haben sie als Vorbild für die Nachfolge Jesu gewählt. Auch wenn wir uns natürlich niemals mit ihr vergleichen können: Wir können immer wieder an sie denken, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen und uns zur Gemeinschaft der Heiligen bekennen.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne. Amen.