Michael Stahl - Kein Herz aus Stahl | Segensspuren

- 24.08.2025 - 

10. Sonntag nach Trinitatis

Ein Herz aus Stahl schützt vielleicht vor Verletzungen. Aber kann es auch lieben?
Pfarrer i. R. Martin Rösch erzählt von Michael Stahl und fragt, wie Gottesliebe und Nächstenliebe zu gelebten Segensspuren werden. Eine Predigt über die Verbindung von Kirche und Israel, über Versöhnung und über Hilfe, die bei anderen ankommt.

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Sonntagsgottesdienst aus der Petruskirche Steinen mit Pfarrer i. R. Martin Rösch. In der Sommerkirche „Segensspuren“ geht es um Gottesliebe, Nächstenliebe und die Frage, wie beides im Leben sichtbar wird.
 
Am Israelsonntag spricht die Predigt zunächst über die bleibende Verbindung von Kirche und Israel. Ausgehend von Jesu Antwort auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot (Markus 12,28–34) erzählt Martin Rösch anschließend von Michael Stahl: Ein Mann, dessen Geschichte zeigt, was es heißen kann, sich von der Not anderer bewegen zu lassen.
 
Mehr zur Predigt:
  • Predigttext: https://ekstei.de/_mediathek/predigtaufnahmen/detail/nachricht/id/65282-michael-stahl-kein-herz-aus-stahl-segensspuren/
  • Predigt als eigenes Video: https://youtu.be/My4vH3gU16U
 
Lieder im Gottesdienst:
  • NL+ 218: Wir sind hier zusammen in Jesu Namen (Kanon)
  • EG 165: Gott ist gegenwärtig · CCLI-Nr. 4324296
  • FJbo 193: Jesus, du allein bist genug · CCLI-Liednr. 4327729
  • FJbo 30: Mein Jesus, mein Retter (Ruft zu dem Herrn) · CCLI-Liednr. 5172193
  • FJbo 115: Ein Leben, gegeben (Ein Leben für Gott) · CCLI-Liednr. 4335333
  • EG 403: Schönster Herr Jesu · CCLI-Nr. 4351290
CCLI-Liedlizenz: 5100265

Predigt zu „Michael Stahl - Kein Herz aus Stahl“

Sommerkirche
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(24. August 2025, Pfr. i.R. Martin Rösch, Evangelische Kirche Steinen)
 
Kennen Sie einen Tag im Kalender, an dem all sich über Jahrtausende hinweg immer wieder schwerwiegende Katastrophen ereignet haben? Es gibt einen solchen Tag: Es ist der 9. Tag im Monat Av nach dem biblisch-jüdischen Kalender. In diesem Jahr ist dieser Tag zusammengefallen mit dem Sonntag vor zwei Wochen, dem 3. August.
 
Woran wird an diesem Tag jedes Jahr erinnert: zuallererst an die zweimalige Zerstörung des Tempels in Jerusalem 587 vor Christus durch die Babylonier und dann 70 nach Christus durch die Römer.
 
Auf den 9. Avi ist im Jahr 1492 die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Spanien gefallen.
Auf den 9. Av ist 1914 der Beginn des Ersten Weltkriegs gefallen.
Das Gleiche gilt für die Deportation von Juden aus dem Warschauer Ghetto 1942 – hin zu den Vernichtungslagern.

Ist das nicht auffallend?
Der 9. Av liegt nach unserem Kalender immer in der Nähe des 10. Sonntags nach Trinitatis. Nebenbei: Trinitatis, das ist der Sonntag nach Pfingsten, an dem Christen sich daran erinnern, dass Gott dreieinig und dreifaltig ist. Heute ist der 10. Sonntag nach Trinitatis. Christen erinnern an diesem Sonntag seit Langem an die Zerstörung von Jerusalem. Vor allem die zweite Zerstörung durch die Römer – 40 Jahre nach der Kreuzigung und Auferstehung von Jesu – ist vielfach in den Blick genommen und gedeutet worden. Wenn ich die traditionelle Deutung kurz benenne, betone ich, dass das nicht meine Deutung ist. Die Zerstörung Jerusalems durch die Römer ist ein Beleg dafür, dass Gott sein auserwähltes Bundesvolk Israel verstoßen hat. Hat doch nur eine Minderheit dieses Volkes Jesus als seinen Messias, seinen König, erkannt und sich ihm unterstellt – obwohl er doch von Gott selbst durch seine Auferweckung von den Toten bestätigt worden ist. An die Stelle des ursprünglichen Israel ist die Christenheit getreten als das neue Israel.  
Seit Jahrzehnten wird diese Überzeugung unter Christen weitaus seltener vertreten, wenn sie auch nicht verschwunden ist. Vielfach nehmen Christen heute eine wertschätzende Haltung gegenüber dem jüdischen Volk ein – im Wissen darum: Der Vater Jesu Christi hat sein Volk Israel nicht verworfen, auch wenn dieses in seiner Mehrheit seinen Messias bis heute nicht erkannt hat.

Dies betont der Apostel Paulus in den Kapiteln 9-11 im Römerbrief.

Im Epheserbrief, Kapitel 2, wird herausgestellt: Die Gemeinde des Messias Jesus setzt sich zusammen aus seinen jüdischen und seinen nicht-jüdischen Nachfolgern. Zugespitzt lässt sich mit dem Römerbrief und dem Epheserbrief formulieren: Das Volk Israel ragt in die weltweite Gemeinde von Jesu Christus hinein. Anders ausgedrückt: Kirche existiert nicht ohne Israel, das Volk Israel. Allein darum ist es angebracht, dass christliche Gemeinden sich mit dem Thema „Kirche und Israel“ befassen.

Heute will ich dazu passend zwei biblische Stichworte aufgreifen und dabei das Stichwort „Segensspuren“ im Blick behalten: „Liebe zu Gott“ und „Liebe zum Nächsten“.
2008 hat der jüdische Historiker Michael Wolffsohn, lange Zeit tätig an der Hochschule der Bundeswehr in München, ein Buch veröffentlicht, das auch in dieses Jahr hineinspricht: „Juden und Christen – ungleiche Geschwister. Die Geschichte zweier Rivalen“. Michael Wolffsohn zitiert einen bis heute bekannten deutschen Politiker mit diesen Worten: „‘Wird es im Heiligen Land Ruhe geben?‘, fragte er bang in der ‚Bild‘-Zeitung im August 2001 unter der Überschrift ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘ und beantwortete selbst die gestellte Frage. ‚Noch regiert das Alte Testament: Wer einen Menschen erschlägt, wird mit Tod bestraft… Leben für Leben… Auge um Auge… Zahn um Zahn. Den Weg zum Frieden weist das Neue Testament. Dort steht: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.‘“ Michael Wolffsohn bemerkt zu diesem Zitat:

„Der bedeutende deutsche Theologe hatte offensichtlich im 3. Buch Mose, Levitikus, 19,18 überlesen: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.‘“
 
Der Zitierte ist natürlich kein Theologe.  
Eine Nebenbemerkung ist mir in diesem Zusammenhang wichtig. Ich zitiere sie aus dem umfänglichen Jesus-Buch von Markus Spieker, einige Jahre lang Leiter des ARD-Studios Südasien: „Die Maßregel ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘ ist nicht die Einladung zum blindwütigen Faustrecht, sondern sorgt dafür, dass Vergeltungsmaßnahmen verhältnismäßig sind und sich nicht auf unschuldige Dritte ausweiten.“ Soweit das Zitat. Mit anderen Worten: Diese Regel ist das Gegenteil von einer Rechtfertigung maßloser Rache. 
Hören wir auf den Evangelisten Markus im 12. Kapitel und damit darauf, was Jesus zum Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zu sagen hat – im Anschluss an ein Streitgespräch mit Kritikern. Wir hören auf den Wortlaut der Elberfelder Bibel:
 
Und einer der Schriftgelehrten, der gehört hatte, wie sie miteinander stritten, trat hinzu, und da er wusste, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches Gebot ist das erste von allen? Jesus antwortete ihm: Das erste ist: »Höre, Israel: Der Herr, unser Gott, ist ein Herr;…

…und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft!« Das zweite ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« Größer als diese ist kein anderes Gebot.

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Recht, Lehrer, du hast nach der Wahrheit geredet; denn er ist einer, und es ist kein anderer außer ihm; und ihn zu lieben aus ganzem Herzen und aus ganzem Verständnis und aus ganzer Seele und aus ganzer Kraft und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist viel mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

Und als Jesus sah, dass er verständig geantwortet hatte, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und es wagte niemand mehr, ihn zu befragen. (Markus 12,38-42)

Auch wenn die Evangelisten im Neuen Testament von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Jesus und den Schriftgelehrten berichten, so zeigt diese von Markus geschilderte Begegnung, dass Jesus die Schriftgelehrten nicht pauschal verurteilt. Dieser Gesprächspartner erhält von Jesus hohes Lob: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“  
 
Nebenbei: Wenn Jesus vom Reich Gottes oder vom Himmelreich spricht, so meint er damit nicht einen Ort, sondern ein Geschehen: dass Gott seine Herrschaft ausübt. Jesus bringt sein Wirken mit dem Reich Gottes in Verbindung:  

Wenn ich… die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, so ist das ein Zeichen dafür, dass Gottes Reich unter euch angebrochen ist. (Matthäus 12,28) 
 
Den Schriftgelehrten, von dem Markus berichtet, beschäftigt diese Frage: Welches von den vielen Geboten Gottes, die in der hebräischen Bibel festgehalten sind, ist das vorrangige?  
 
Die Antwort, die Jesus gibt, zeigt dies: Einerseits steht er höher als jeder andere Mensch und vollzieht die Herrschaft Gottes auf Erden – ansatzweise zumindest. Zugleich ordnet Jesus sich seinem eigenen Vater und damit dem Vater Israels unter. Er spricht ohne Zusätze oder Abstriche das Glaubensbekenntnis Israels aus, das bis heute Tag für Tag zweimal gesprochen wird. Wir hören und lesen es in der Fassung der Elberfelder Bibel:

Höre, Israel: Der Herr, unser Gott, ist ein Herr. 
 
Es stammt aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 6, Vers 4. In der hebräischen Bibel sieht dieser Vers so aus:

Schauen wir ein wenig auf das Wort „ein“! Ist mit diesem Wort „ein“ ausgeschlossen, dass Gott dreieinig und dreifaltig zugleich ist? Das hebräische Wort für einer ist „echad“.

Dieses Wort steht für ein Eins-Sein, das durchaus gegliedert sein kann. Drei Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist – können eine Einheit bilden.

Dazu passt das innergöttliche Gespräch in der Schöpfungsgeschichte:

Lasset uns Menschen machen… (1. Mose 1,26).

Die traditionell-jüdische Deutung dieser Worte sieht hier Gott mit den ihn umgebenden Engeln am Wirken, wobei aber Engel in der Schöpfungserzählung nicht erwähnt werden.

Ein anderes hebräisches Wort für „einer“ ist „yachid“ im Sinne einer ungegliederten Einheit. Dieses aber wird hier – im grundlegenden Glaubensbekenntnis Israels – nicht verwendet.

Es gibt Nachfolger von Jesus, für die Jesus der Mittler zu Gott, dem Vater, ist. Sie vermeiden es aber, ihn selber im Gebet anzusprechen: „Herr Jesus Christus, ich danke dir…; Herr Jesus Christus, ich bitte dich…“ Für diese Jesus-Nachfolger ist ein Gebet zu ihm – ungewollt zwar – im Grunde Götzendienst. Warum? Weil Jesus genau so wenig Gott ist wie der Heilige Geist Gott ist – angeblich.

Im Gegensatz dazu haben messianische Juden in Deutschland 1998 ein Glaubensbekenntnis verfasst, in welchem der Glaube an die Einheit Gottes so formuliert wird:

„Wir glauben, dass Gott Einer ist und sich den Menschen als Vater, Sohn (Messias Jeschua) und Heiliger Geist offenbart.“

„Messias“ ist der Titel für Jesus, der im Deutschen meistens mit „Christus“ wiedergegeben wird. Gemeint ist damit Jesus als König der Juden. „Jeschua“ ist der ursprüngliche Name von Jesus auf Hebräisch. So sieht er aus – auf Hebräisch geschrieben:

Sein Name ist Programm. Jesus-Yeshua steht für „Retter“.

Kommen wir zurück zum wichtigsten aller Gebote Gottes! Jesus stellt heraus: Dieses Gebot, welches zum Glaubensbekenntnis Israels hinzugehört, fordert den Menschen mit allem, was ihn ausmacht.

Gott will „aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele“ geliebt werden.

Das Herz ist in der Bibel der Sitz des Willens. Liebe ist eine Sache des Willens, nicht ein bloßes Gefühl. Allerdings ist Liebe zu Gott nicht ein gefühlloses Geschehen. Freude an Gott und Freude daran, für ihn da zu sein, gehören wesentlich dazu. Darum auch: Gott lieben auch „aus ganzer Seele“.

Wie aber kommen wir Menschen dazu, Gott in diesem Sinne zu lieben? Zwei Apostel, Johannes und Paulus, machen deutlich: Es ist Gott, der unsere Liebe zu ihm entzündet. Johannes schreibt in seinem ersten Brief:

Lasst uns lieben, denn er (Gott) hat uns zuerst geliebt. (1. Johannes 4,19)

Johannes spielt an auf die Liebe Gottes, die sich daran gezeigt hat, dass er Jesus, seinen Sohn, in die Welt gesandt hat. Mit welcher Absicht? Damit wir durch ihn Zugang zu Gott finden, damit auch wir – wie Jesus – Gott als „Vater“ anrufen können.

Dazu passend schreibt Paulus im Römerbrief an Menschen wie du ich, an Menschen, die ohne Jesus nicht sein wollen:

…ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. (Römer 8,15)

Schon drei Kapitel früher im Römerbrief stellt Paulus heraus, was das für Folgen hat, wenn wir durch Jesus und den Heiligen Geist Kinder Gottes geworden sind:

…die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Römer 5,5)

Immer wieder geschieht es, dass Menschen, welche zu Gott schon in einer Beziehung stehen, von seiner Liebe überwältigt werden, darüber gewiss werden: Ich bin geliebt von Gott. Eine solche Erfahrung führt oft dazu, dass die eigene Liebe zu Gott neu entfacht wird. Oftmals geschieht dies im Verlauf von Gottesdiensten, insbesondere bei der Feier des Heiligen Abendmahls. Mir ist eine Erfahrung diesbezüglich in lebhafter Erinnerung geblieben – bei einer Konferenz in einer anglikanischen Gemeinde in England. Während einer Lobpreiszeit bin ich von der Liebe Gottes regelrecht überwältigt worden, bin in Freudentränen ausgebrochen.

Über die Liebe Gottes gewiss werden, das weckt Gegenliebe – von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Das verleiht die Kraft, Gott seinerseits zu lieben. Die Liebe zu Gott bewährt sich beispielsweise dann, wenn er uns Schweres zumutet, wenn Gebete nicht oder nicht so erhört werden, wie wir uns dies wünschen. Dann ist das Herz gefragt, der Wille gefragt, ihm, Gott, zu erklären: „Ich liebe dich dennoch.“ Dann ist die Seele gefragt, Gott nicht die geballte Faust zu zeigen, sondern die offenen Arme, die offenen Hände, die sich nach ihm, dem Vater, ausstrecken.

Gott lieben…
aus unserem ganzen Verstand und aus unserer ganzen Kraft

Auch der Verstand ist im Einsatz, wenn Menschen die Liebe Gottes zu ihnen erwidern. Aus Liebe zu Gott seine Gedanken und Pläne studieren und sich einprägen, wie sie in der Bibel festgehalten sind – auch dies ist praktizierte Liebe zu Gott. Vor Jahren hat nach einem Vortrag zu einem biblischen Thema eine Frau in großer Runde erklärt: „Mich interessiert nur, was in der Bibel steht!“ Mich interessiert natürlich ebenfalls, was in der Bibel steht – vorrangig. Manches Mal aber ist nicht sofort klar, was die Bibel an einer bestimmten Stelle sagen will, zum Beispiel dort, wo festgehalten wird, dass Gott einer ist. Da tut es gut, wenn man seinen Verstand einsetzt und einen Kommentar zur Bibel befragt, wenn man dankbar aufnimmt, was Ausleger der Bibel erkannt haben. Wer die beiden Stellen aus dem 5. Buch Mose und aus dem Evangelium nach Markus vergleicht, wo es um die Liebe zu Gott geht, dem fällt auf: Die Liebe „aus unserem ganzen Verstand“ kommt im 5. Buch Mose nicht vor, wohl aber in den Worten von Jesus. Könnte es sein, dass Jesus sich mit dieser Ergänzung liebevoll-passend seinem Gesprächspartner zuwendet, der eben ein Lehrer und Denker ist?

Unsere Kraft ist schließlich gefordert, wenn wir als Kinder Gottes ihn, unseren Vater, lieben. Ein Beispiel: Es ist manches Mal eine Kraftanstrengung, sich aufzumachen zu einem Gottesdienst, wenn man nach einer anstrengenden Arbeitswoche erschöpft ist und sich nichts anderes wünscht als Schlafen, Essen und vielleicht eine Freizeit-Beschäftigung.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! (3. Mose 19,18; Markus 12,31)

Die Liebe zum Nächsten ist das, was Jesus neben der Liebe zu Gott voraussetzt als seinem Willen gemäß. Wie von Michael Wolffsohn erwähnt, findet sich dieses Gebot im 3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 18. In der Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter hat Jesus deutlich gemacht, dass unsere Nächsten nicht allein unsere nächsten Angehörigen und Freunde sind. Als Kinder Gottes werden wir auch fremden Menschen in Liebe begegnen, wenn wir ihre Nöte wahrnehmen und helfen können. Menschen, die Erfahrungen damit machen, dass die Liebe Gottes sie anrührt und erfüllt, sind in der Lage, Gott wiederum zu lieben. Sie sind aber auch in der Lage, Liebe weiterzugeben, Liebe zum Nächsten mit Taten zu beweisen. 
Was Liebe zum Nächsten meint, wird deutlich an dem Zusatz: „…wie dich selbst“. Liebende Kinder Gottes machen den Mangel anderer Menschen zu ihrem eigenen, Nöte anderer Menschen zu ihren eigenen.

Ein Beispiel:
 
Michael Stahl ist Anleiter in Sachen Selbstverteidigung, auch schon für Kinder, die er in Kindergärten und Schulen fördert. Er ist auch ein Nachfolger Jesu. Er ist ein Mann, der trotz seines Namens kein Herz aus Stahl hat, sondern ein weiches Herz. Er ist einer, der im Herzen Anstöße von Gott empfängt und sich bewegen lässt zu lieben – mit Taten. Michael Stahl ist unser heutiger Segensträger. Wenn ich die Wörter „Segen“ und „segnen“ erkläre, dann verweise ich immer wieder darauf, dass diese mit dem Fremdwort „signiert“ zu tun haben. Es lässt sich wiedergeben mit „gezeichnet“. Ein Mensch kann gezeichnet sein von einer schweren Krankheit. Ein gesegneter Mensch aber ist davon gezeichnet, dass Gott an ihm wirkt. Das ist ein gutes Gezeichnet-Sein. Etwas von der Güte Gottes leuchtet an einem solchen Menschen auf.

Michael Stahl lebt mit seiner Frau Sandra und seiner Tochter Laura in Bopfingen. Das liegt im Ostalbkreis, also am anderen Ende von Baden-Württemberg – von uns im Südwesten aus gesehen. Ich beziehe mich heute vor allem auf seine Lebensbeschreibung, im Ich-Stil geschrieben, aber von seinem Freund Martin Schmiedel formuliert. Das Buch wird bereits in 7. Auflage vertrieben.

Michael Stahl ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Er hat sich geschämt, seinen Klassenkameraden auch nur von außen das Haus zu zeigen, in dem er gewohnt hat. Weshalb diese Armut? Sein Vater hatte im Alter von 29 Jahren beschlossen, er sei zu krank, um einer Arbeit nachzugehen. Fortan hat der Vater bis zu seinem Lebensende von Sozialhilfe gelebt. Wenn er seinem Sohn beim Fußball-Spielen zugeschaut hat, dann hat er ihn vom Spielfeld aus nicht etwa angefeuert, sondern hat ihn verspottet. Er sei ein Nichts-Könner.

Aus seiner Kindheit berichtet Michael Stahl, wie für ihn Jesus zum Freund geworden ist. Seine Eltern haben im Schlafzimmer ein Poster mit einem Jesus-Bild hängen gehabt. Dieses hat Michael fasziniert. Er berichtet: „Es zeigte einen Mann, der liebevoll und gütig zu mir herabsah. Ich wusste, dass es Jesus war… Einladend streckte er seine Hände nach mir aus… Ich sah Jesus an. Je länger ich so dastand, umso größer wurde in mir das Gefühl, dass er meinen Blick erwiderte… Und irgendwie war mir klar, dass er mich länger kannte als ich ihn… Vielleicht konnte ich ihn mit einem kleinen Täuschungsmanöver überraschen? Ich kroch unter das Bett meiner Eltern und blieb dort eine Weile regungslos liegen. Blitzschnell streckte ich dann meinen Kopf hervor. Ich wollte Jesus dabei ertappen, wenn er gerade nicht aufpasste und woanders hinschaute. Doch wieder sah er mich an. Er meinte wirklich mich.“ (21f.)

In jungen Jahren hat Michael Stahl den Kampfsport für sich entdeckt und hat es darin zu einer derartigen Meisterschaft gebracht, dass sich ihm dadurch eine berufliche Zukunft eröffnet hat. Er ist zum vielgefragten Bodyguard aufgestiegen und hat allerhand bekannte Persönlichkeiten in dieser Eigenschaft begleiten können. Ich nenne beispielhaft zwei davon.

Das ist zum einen Gotthilf Fischer gewesen, mindestens den Älteren unter uns sicherlich bekannt.
Das ist zum andern kein geringerer als der Box-Weltmeister Muhammad Ali gewesen, den Michael Stahl schon als Kind verehrt hatte.

Während der Zeit als Bodyguard hat Michael Stahl seine Jugendfreundin Manuela geheiratet. Die beiden haben einen Sohn bekommen: Manuel. Michael Stahl ist rastlos von einem beruflichen Einsatz zum nächsten geeilt. Dies hat seiner Ehe und Familie nicht gutgetan. Die Ehe der beiden ist geschieden worden. Sohn Manuel ist damals vier Jahre alt gewesen.

Im Alter von 14 Jahren ist Manuel in schwere seelisch-körperliche Not geraten. Nach einem Zusammenbruch in der Schule ist er kurzzeitig im Krankenhaus beobachtet worden. Vater und Mutter haben sich dort getroffen. Im Zuhause von Mutter und Sohn hat der Vater gefunden, womit Manuel sich beschäftigt hatte. Er berichtet: „Stapelweise fand ich Filme, Videospiele und Musik-CDs. Je mehr ich mir davon ansah, umso wütender wurde ich. Sie waren allesamt nicht dem Leben verschrieben, sondern dem Tod.“ (162) Bei dieser Szene hat der Sohn seinem Vater mehrfach zu verstehen gegeben: „Ich hasse dich!“ Die Mutter hat den Vater schließlich aus der Wohnung hinauskomplimentiert. Michael Stahl hat sich voller Verzweiflung aufgemacht in seine eigene Wohnung, hat dort am Tisch das Gespräch mit Gott gesucht, den er als väterliches Gegenüber verstanden hat. Er berichtet: „Ich stand auf und zog einen zweiten Stuhl unter dem Tisch heraus. ‚Papa, bitte setz dich her zu mir. Ich muss mit dir reden. Ich brauche deine Hilfe‘, sagte ich leise. Was dann passierte ist schwer zu beschreiben. Ich spürte, Gott war da! Er hatte meine Einladung angenommen. Tief in meinem Herzen wusste ich das. Vor seinem Stuhl ging ich auf die Knie. Überwältigt von dem Eindruck, dass Gott auf meinem Wohnzimmerstuhl Platz genommen hatte, legte ich meine Stirn behutsam auf das Sitzpolster und wusste mich in Gottes Schoß geborgen.“ (163)

Bewegend, wie diese Gottesbegegnung sich fortgesetzt hat: Michael Stahl hat – auf welche Weise auch immer – das Reden Gottes gehört: „Geh zu deinem Sohn. Ich gehe mit.“ Er ist dieser Aufforderung gefolgt – obwohl er doch nur Stunden zuvor von Ex-Frau und Sohn die Tür gezeigt bekommen hatte. Zu Beginn der erneuten Begegnung ist es zur Versöhnung zwischen den Ex-Eheleuten gekommen, wenn auch nicht zur Wiederherstellung ihrer Ehe. Michael Stahl war ja bereits mit Sandra verheiratet. Jedenfalls haben er und seine Ex-Frau einander vieles an Versagen bekannt und um Vergebung gebeten. Manuel, der Sohn, ist Zeuge gewesen. Schließlich ist es aus ihm herausgebrochen: „Papa, ich hab ohne Gott gelebt. Dann hab ich mich mit dem Teufel beschäftigt. Fast hätte er mich in den Tod getrieben. Wie mache ich das mit Gott?“ Nun die Fortsetzung des Gesprächs zwischen den beiden: „Gott ist ein Gentleman… Wenn man ihn nicht haben will, respektiert er das. Du kannst ihn aber auch einladen. In dein Leben. In dein Zimmer. In alles. Dann wird dein Leben ein anderes werden. Schwierigkeiten und Sorgen wird es immer geben. Aber dann bist du nicht mehr allein.“ „Das will ich.“ „Sollen wir zusammen beten?“ „Nein, Papa, das mach ich allein.“ Manuels Leben hat sich gewandelt. Er und sein Vater sind echte Freunde geworden. Dazu berichtet der Vater: „Am liebsten kicken wir gemeinsam, egal bei welchem Wetter.“

Was ich jetzt nicht auch noch weitergeben kann, ist die Geschichte von Michael Stahls Versöhnung mit seinem Vater. Wer sie lesen will, dem empfehle ich das Buch, das ich jetzt jemandem, der sich zuerst meldet, verschenken will…

Eine Geschichte aus dem Leben von Michael Stahl füge ich aber noch an. Sie stammt nicht aus seinem Buch. Sie zeigt besonders deutlich, dass Michael Stahl kein Herz aus Stahl hat, sondern eines, das sich bewegen lässt zur Liebe zu Gott und zum Nächsten. Ihn hatte das bekümmert hat, dass ein dreizehnjähriger Junge namens Peter aus seinem Bekanntenkreis lieblos behandelt wurde. Ein Hoffnungsschimmer war die Einladung dieses Jungen zu einem christlichen Jugendcamp. Wie aber die 90 Euro Teilnahmegebühr aufbringen? Michael Stahl berichtet davon, wie er dem erwähnten Jungen helfen konnte: „Eines Nachts konnte ich kaum schlafen … ich hatte den Eindruck, dass ich bei Facebook einen Aufruf für Peter starten sollte … wenn 90 Menschen je einen Euro in Verbindung mit einer Karte … an die Familie schicken würden, wäre das etwas ganz Besonderes.“ Gehört – getan! Michael Stahl berichtet von der Wirkung dieser Tat: „Unfassbare Liebesbriefe erreichten die Familie… Alle drei bekamen so viel Wertschätzung wie kaum zuvor in ihrem Leben … Mit dem Geld konnten wir noch vier andere Kinder in das Camp schicken.“
 
Amen